Katastrophenmythen

Rund um das Thema Katastrophen und dem Verhalten von Menschen in Krisenlagen gibt es eine ganze Reihe, zum Teil gefährlicher, Mythen. Diese werden hier etwas näher und mit wissenschaftlichem Hintergrund beleuchtet. Die Informationen stammen aus der Seminararbeit von Bernhard Schmid, Berti Müller und Lea Nagel, die im Rahmen des Lehrganges Risikoprävention und Katastrophenmanagement (OeRISK) entstanden ist.

Warum ist das wichtig?

Weil falsche Annahmen, insbesondere bei den Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS; Katastrophenschutz, Blaulichtorganisationen, Bundesheer, etc.), zu falschen Entscheidungen und Aktionen führen können.

Zum anderen gibt es auch in der Bevölkerung eine falsche und überzogene Erwartungen in die Leistungsfähigkeit der BOS. Was im Alltag sehr gut funktioniert, ist im Blackout-Katastrophenfall völlig unmöglich. 

Daher geht es bei der Sicherheitskommunikation besonders um einen ehrlichen Umgang und um die aktive Einbindung der Bevölkerung in die Krisenbewältigung. 

Welche Verhaltensmuster treten in Katastrophen und Notlagen auf?

Welches Verhalten GLAUBEN wir, das auftritt?

Herausforderungen in der Forschung

  • Notwendigkeit für valide Aussagen: DIREKTE Dokumentation des Katastrophenverhaltens
  • Simulation oder rückwirkende Befragungen weisen das Problem der Empathie-Lücke auf
  • Notwendigkeit: Ereignis,- und zielgruppenspezifische Betrachtung bei der Formulierung von Implikationen

Asoziales vs. Prosoziales Verhalten

Mythos: „Menschen sind in Notsituationen egoistisch und asozial“

  • Prosoziales Verhalten überwiegt stark im Vergleich zu antisozialem Verhalten
  • Über Kulturgrenzen hinaus sichtbar (Deutschland, Türkei, Japan, …)
  • Bspw. Spontane Bildung von Hilfsgemeinschaften, Freiwilligenarbeit, etc.

Gewalt und Plünderung

Mythos: „Eine Großzahl an Menschen werden in Notsituationen gewalttätig und plündern“

  • Wenig empirische Befunde
  • Im Zusammenhang mit dem Auftreten von Gewalt steht ein erhöhtes Stresslevel
  • Spiegelung der „Alltagssituation“
  • Soziale Auseinandersetzungen wenn in späteren Phasen (Schuldfragen, Verantwortungsfragen, etc.)
  • Das Vorkommen von Plünderungen wird massiv überschätzt!
    • Unterscheidung: Plünderung aus Überlebensinstinkt vs. Plünderung als ein Ausnutzen der Situation ohne dringende Notwendigkeit
    • Unterschiede zwischen Industrie,- Schwellen,- und Entwicklungsländern
  • Faktoren einer erhöhten Plünderungswahrscheinlichkeit:
    • Großer Umfang
    • Große Reichweite & Dauer
    • geringe Ressourcenausstattung/Armut
    • Schlechtes Krisenmanagement und -kommunikation

Panik

Mythos: „Massenpanik tritt in Notsituationen schnell auf“

  • Massenpaniken werden massiv überschätzt!
  • Auslösende Faktoren:
    • Wahrnehmung einer unmittelbaren & ernsten Gefahr
    • Begrenzte Anzahl an Fluchtwegen à Aber Gefühl, dass Flucht dringend notwendig ist
    • Wahrnehmung einer Chancenreduktion „auf null“ à Keine eigene Möglichkeit, die Situation zu verändern
    • Mangel an Informationen bzgl. Der Situation
  • NACH Ausbruch einer Panik ist Intervention schwer  Trotz seltenem Vorkommen, sollten Einsatzkräfte + Stadt-, und Raumplanung + Veranstalter die Möglichkeit einer Panik in die Planung miteinbeziehen!

Apathie/Evakuierungsverhalten

Mythos: „Das Fluchtverhalten ist irrational, es ist unklar, was eine Flucht begünstigt“

  • Großteil leistet „erste Hilfe“ -> Einzelfälle reagieren kurzfristig mit Passivität/Apathie (Katastrophensyndrom)
  • Größtenteils (Massen-)Evakuierungen ohne Chaos
  • Ambivalente Forschungslage bzgl. Evakuierungs-, und Fluchtverhalten
  • Generell: Keine große Opferzahl mit akut psychiatrischen Störungen

Traumata

Mythos: „ Katastrophen hinterlassen häufig langfristige psychische Folgen“

  • Unterschied zwischen kurzfristigen-, und langfristigen Folgen:
  • Akute Belastungsstörung (2 – 4 Wochen nach dem Erlebten)
  • Posttraumatische Belastungsstörung ( Jahre – dauerhafte Persönlichkeitsänderung) à Letzteres vergleichsweise selten
  • Psychologische Betreuung ist Standardelement in der Bewältigung
  • Warum handelt es sich hierbei um ein schwieriges Forschungsfeld?
    • Verhalten ist stark individuell
    • Verhalten ist von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängig (Kultur, Wohnort, Alter, Gesamtgesellschaftliche Strukturen (!), ökonomische & soziale Ressourcen …)
    • Einfluss ereignisspezifischer Faktoren (Raum & Zeit, Ereignisart)
  • Kann man ein adäquates Bewältigungsverhalten beeinflussen? Steuern?

Vorbeugung

  • Förderung des Vertrauens in Behörden
  • Bereitstellen von Informationen
  • Kontinuierliches Üben der Einsatzkräfte ( Bspw. Modell des neurolinguisitischen Programmierens)
  • Kollektives Trainieren
  • Einbindung der Bevölkerung -> Risk Governance

Erfolgreiche Kommunikation/Versorgung im Ereignisfall

  • Warnungen
  • Garantie der Glaubwürdigkeit in Quelle + Information
  • Berücksichtigung der Chancen & Risiken von Social Media
  • Befriedigung sozialer und praktischer Bedürfnisse

Quellen

  • Holenstein, M., König, A.L.: Schlussbericht, Das Verhalten der Bevölkerung in Katastrophen und Notlagen. Literaturstudie. Stiftung Risiko-Dialog St. Gallen 28. November 2014.
  • Pajonk, F.G. & Dombrowsky, W.R.: Notfall Rettungsmed. Panik bei Großschadensereignissen. Springer Medizin Verlag 2006.
  • Jachs, S.: Einführung in das Katastrophenmanagement. tredition GmbH Hamburg 2011