Quelle: Artikel aus SECURITY insight Ausgabe 4/18
Spitzengespräch: Mit Herbert Saurugg, MSc, dem Wiener Experten für die Vorbereitung auf den Ausfall lebenswichtiger Infrastrukturen sprach unser Chefredakteur Peter Niggl
SECURITY insight: Herr Saurugg, für besonders seltene Ereignisse wird die Metapher vom schwarzen Schwan benutzt. Sie forschen über Ausfälle in der Infrastruktur. Suchen Sie den schwarzen Schwan, den es angeblich gar nicht gibt?
Herbert Saurugg: Erstens: es gibt schwarze Schwäne; zweitens: hellgraue haben wir schon gesehen und drittens: vor jeder Katastrophe ist man davon ausgegangen, dass sie unmöglich ist. Wir leben in einer Zeit der Digitalisierung, mit jedem Tag wird unsere Infrastruktur verwundbarer. Die Frage ist nicht, ob etwas passiert, sondern nur mehr wann.
Kann man es auch konkreter machen, wovor müssen wir Angst haben, von wo droht uns Gefahr?
Ich stelle immer zwei Szenarien in den Mittelpunkt meiner Ausführungen. Das eine ist das große Blackout, das heißt ein länderübergreifender Stromausfall in Mitteleuropa und damit zusammenhängend der Zusammenbruch der gesamten Versorgung. Das andere Szenario betrifft die Folgen einer Pandemie. Eine ganz große Gefahr sehe ich darin, dass zwar viel überlegt wird, wie solche Krisen verhindert werden könnten, aber viel zu wenig, was zu tun ist, wenn sie doch eintreten sollten. Es geht immer darum, auch mit dem schlimmsten Fall, dem Worst Case, umgehen zu können. Wenn wir heute davon ausgehen müssen, dass sich ein Drittel der Bevölkerung spätestens am vierten und zwei Drittel spätestens am siebten Tag nach einer Versorgungsunterbrechung nicht mehr selbst versorgen kann, braucht man wohl über viele andere Dinge nicht mehr viel nachzudenken. Ein Paradebeispiel, das ich auch immer wieder anspreche, ist eine Pandemie. Das Thema wird zwar immer wieder angesprochen. Man spricht über Schutzmasken oder Tamiflu, aber es gibt kaum Pläne dafür, was zu tun ist, wenn 20, 30 oder 50 Prozent der Menschen erkranken. Dabei müssen wir noch gar nicht von letalen Erkrankungen sprechen. Wenn 20 Prozent des Personals ausfallen, weil es selbst oder Familienangehörige erkrankt sind, bricht die Versorgung zusammen. Wir haben ja schon oft unter Normalbedingungen zu wenig Personal.
Wie groß ist die statistische Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines solchen Schadensfalles?
Genau das trifft unsere Zahlengläubigkeit und den Glauben, wir können alles mit Wahrscheinlichkeiten berechnen. Schon in der Nuklearindustrie haben wir gesehen, dass wir da schwer danebenliegen können. Das Problem ist, dass man den Zeitpunkt nicht vorhersehen kann und es deshalb eine gewisse Dehnbarkeit gibt. Nur wenn der Worst Case eintritt, dann geht es abrupt. Rein wissenschaftlich betrachtet gibt es keine Evidenz. Das letzte Blackout-Ereignis in Europa liegt 42 Jahre zurück. Damals waren Deutschland, Österreich und die Schweiz betroffen. Ausgelöst durch einen Waldbrand. Es gab dann im November 2006 den bisher größten Zwischenfall, als für die Ausschiffung eines Kreuzfahrtschiffes eine 380-Kilovolt-Leitung über der Ems abgeschaltet wurden. 19 Sekunden später war es in 10 Millionen Haushalten Westeuropas finster. Daran erinnert sich kaum noch jemand. Der Störfall konnte zum Glück rechtzeitig vor dem Blackout abgefangen werden. Niemand geht heute davon aus, dass so etwas unter den heutigen Rahmenbedingungen nochmals gelingen könnte.
Weiter im PDF-Artikel, der dankenswerter Weise von SECURITY insight zur Verfügung gestellt wurde.