Resilienz und Anpassung

 

Der bisher im deutschsprachigen Raum kaum geläufige Begriff der Resilienz, er wurde bisher vorwiegend in der Ökologie und in der Psychologie verwendet, bezeichnet:

Die Fähigkeit eines Systems (einer Organisation, der Gesellschaft) durch entsprechende Anpassung, Flexibilität, Robustheit, Redundanzen, Selbstregenerations- bzw. Selbstorganisationsfähigkeiten auch unter Störungseinflüssen stabil zu bleiben, eine dynamische Stabilität wieder rasch herzustellen oder sich durch die Störung sogar weiterzuentwickeln („lernen!„).

Resilienzfaktoren

Oder mit den Worten der UNO ausgedrückt:

„Resilienz ist die Fähigkeit eines Systems, einer Gemeinschaft oder einer Gesellschaft, welche(s) Gefahren ausgesetzt ist, deren Folgen zeitgerecht und wirkungsvoll zu bewältigen, mit ihnen umzugehen, sich ihnen anzupassen und sich von ihnen zu erholen, auch durch Bewahrung und Wiederherstellung seiner bzw. ihrer Grundstrukturen und Funktionen“ (Resilienz, United Nations International Strategy for Disater Reduction, UNISDR 2009)

Resilienz bedeutet deutlich mehr als der derzeit vorherrschende und eher passive Schutz („Bevölkerungs- oder Katastrophenschutz“). Dieser versucht, Störungen zu verhindern bzw. diese beim Eintritt rasch durch professionelle Hilfe zu „bekämpfen“. Etwa bei und nach Hochwässern. Der Status quo wird erhalten, welcher dann oft durch Schutzdammbauten abgesichert wird. Der Status quo wird nur selten hinterfragt. Daher eher ein starrer Ansatz. Resilienz hingegen soll im Störungsfall eine Aufrechterhaltung von wesentlichen (Grund-)Funktionen bzw. die rasche Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen ermöglichen bzw. auch zu einer Weiterentwicklung und damit Hinterfragung des Status quo führen. Also dazulernen und neue Möglichkeiten denken und ausprobieren, wie das in der Evolution üblich ist. Dabei spielen vor allem die betroffenen Menschen und die Selbstorganisation(sfähigkeit!) eine wesentliche Rolle. Siehe dazu auch das Energiezellenkonzept bzw. das Unerwartete managen. Auch hier gilt sowohl-als-auch. Es kommt immer auf den Kontext an.

Gerade im Hinblick auf die zu erwartenden fundamentalen Veränderungen bei der Transformation von der Industrie- zur Netzwerkgesellschaft werden wir Menschen und unsere Gesellschaft insgesamt sehr gefordert sein. Aussagen wie Menschheit steht vor dem grössten Umbruch seit der industriellen Revolution oder Die nächsten 20 Jahre werden mehr Veränderung bringen, als die letzten 100 Jahre unterstreichen dies. Daher wird wahrscheinlich nicht das Bewahren, sondern eine rasche Anpassung erfolgreich sein. Moderne Gesellschaften wie unsere, die nun eine lange stabile Phase hinter sich und ein sehr hohes Wohlstandsniveau erreicht haben, tun sich mit Veränderungen und Anpassungen jedoch meist besonders schwer. Aber wie die Natur schon immer gezeigt hat, ist eine Weiterentwicklung nur durch Anpassung und Neuerfindung möglich. Das wird auch diesmal so sein.

Aus meiner Sicht können nur Menschen resilient sein/werden, jedoch nicht Technik. Diese kann robust gestaltet werden und damit die Resilienz von Menschen unterstützen. Der Begriff wird aber derzeit für alles mögliche („boundary object„) verwendet, womit sich zwar viele Menschen und Organisationen angesprochen fühlen, jedoch häufig von ganz unterschiedlichen Aspekten gesprochen wird, die noch dazu nicht immer kompatible sind.

Anpassungszyklen

Unser Leben bzw. das Leben generell verläuft nicht linear, sondern zyklisch. Eine sehr anschauliche Darstellung wurde durch Simon Kneebone für Ika Darnhofer von der BOKU Wien erstellt.  Ika Darnhofer beschäftigt sich mit Resilienz in der Landwirtschaft (Projekt: rethink – Farm modernisation and rural resilience).

Auch die vom österreichisch/amerikanischen Ökonomen Joseph Schumpeter beschriebene „Schöpferische Zerstörung“ beschreibt diesen Zyklus:

Jede ökonomische Entwicklung (im Sinne von nicht bloß quantitativer Entwicklung) baut auf dem Prozess der schöpferischen bzw. kreativen Zerstörung auf. Durch eine Neukombination von Produktionsfaktoren, die sich erfolgreich durchsetzt, werden alte Strukturen verdrängt und schließlich zerstört. Die Zerstörung ist also notwendig − und nicht etwa ein Systemfehler −, damit Neuordnung stattfinden kann.

s-förmiges Wachstum

Eine wichtige Rolle bei diesen Anpassungszyklen spielt das universelle s-förmige Wachstum. In der Natur findet man nur ein s-förmiges Wachstum. Eine Weiterentwicklung erfolgt immer durch eine Adoption. Der einzige Gegenversuch – der medizinische Krebs – ist bislang erfolglos geblieben. Die künstliche Hinauszögerung einer Anpassung und das Festhalten am Wachstum führte bisher immer zum Kollaps. Siehe hierzu etwa auch unter dem Tag The Limits to Growth“.

Die Wachstumsfalle

(c) Frederic Vester

Dieses s-förmige Wachstum kann auch in der Wirtschaft beobachtet werden. Beispielsweise: Festnetztelefone – Mobiltelefone – Smart-Phone; Die Anpassungszyklen wurden dabei immer kürzer.

Entwicklung von Technologien - S-Kurven

Aber auch in vielen anderen Bereichen kann man diese zyklischen Entwicklungen sehr gut beobachten. Vieles deutet darauf hin, dass wir uns derzeit am Tal eines neuen Zykluses – etwa am Beginn des 6. Kondratieff-Zykluses – befinden. Aber auch, dass die Entwicklung der Netzwerkgesellschaft nun den exponentiellen Ast erreicht hat und nun eine Transformation in hoher Geschwindigkeit eingeleitet wird.

Die Erhöhung der Resilienz erfordert daher auch eine aktive und selbstverantwortliche Einbindung der Bevölkerung, denn sie kann nicht von „oben herunter / top-down“ angeordnet werden, auch wenn sich in Österreich auf Regierungsebene eine Resilienz-Strategie in Ausarbeitung befindet. Sie kann nur die Rahmenbedingungen schaffen. Den wichtigsten Schritt kann die Bevölkerung nur selbst setzen (siehe etwa Ernährungsvorsorge in Österreich). Damit die Bevökerung mobilisiert werden kann, ist eine integrierte Sicherheitskommunikation erforderlich, die es bisher kaum gibt.

Sicherheit versus Robustheit

Im Gegensatz zur Sicherheits- bzw. Risikobetrachtung erfolgt die Resilienzbetrachtung unabhängig vom Szenario und ermöglich so einen besseren Umgang mit Unsicherheiten. Dabei stehen vor allem die möglichen Konsequenzen im Vordergrund. In Zeiten von zunehmenden Unsicherheiten (siehe auch VUCA – Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität) ist ein stärkeres Robustheits- bzw. Resilienzdenken erforderlich. Das bisher vorwiegende und in stabilen Zeiten auch sehr erfolgreiche Sicherheits- bzw. Risikodenken reicht alleine nicht mehr aus, um mit den Auswirkungen von systemischen Risiken, die durch die steigende Vernetzung entstehen, sinnvoll umgehen zu können. Aber auch hier gilt ein „sowohl-als-auch-Denken“ – es wird auch weiterhin Bereiche geben, wo das bisherige lineare, monokausale Denken ausreicht und erfolgreich ist. Die Kunst besteht nun darin, zu erkennen, wo das jeweilige Konzept anzuwenden ist.

Sicherheit versus Robustheit

VUCA – Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität

Die Abkürzung VUCA steht für Volatility, Uncertainty, Complexity und  Ambiguity also Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität und wird in Managementkreisen für die Beschreibung der aktuellen Entwicklungen/Zeit herangezogen.

  • Volatilität (volatility) beschreibt die Schwankungsintensität und -breite über den zeitlichen Verlauf. Dieser Begriff wird auch häufig im Zusammenhang mit der fluktuierenden Einspeisung von Windstrom- und PV-Anlagen verwendet, wo es innerhalb kürzester Zeit zu erheblichen Schwankungen kommen kann, was die Netzsteuerung zunehmend herausfordert.
  • Unsicherheit (uncertainty) beschreibt die Nicht-Vorhersagbarkeit von Ereignissen (siehe auch Das Unerwartete managen)
  • Komplexität (complexity) wird durch die Anzahl von Einflussfaktoren und deren gegenseitiger Abhängigkeit (Vernetzung und „unsichtbare Fäden„) bzw. Interaktion beeinflusst. Je mehr Interdependenzen (wechselseitige Abhängigkeiten) ein System enthält, desto komplexer ist es. Der Begriff „komplex“ ist dabei vom Begriff „kompliziert“ zu differenzieren – auch wenn beide oft fälschlicherweise äquivalent benutzt werden. Ein kompliziertes System kann man vereinfachen, ohne die interne Struktur des Systems zu zerstören (Beispiel: ein unübersichtlicher mathematischer Bruch wird durch Kürzen vereinfacht). Ein komplexes System hingegen wird zerstört bzw. es entsteht etwas Neues, wenn man versucht, dieses zu vereinfachen – z.B. durch Zerlegen (siehe auch Emergenz). Peter Kruse dazu:

  • Ambiguität (ambiguity) beschreibt die Mehrdeutigkeit oder auch Widersprüchlichkeit einer Situation oder Information. Daher gibt es nicht nur eine Wahrheit oder Wirklichkeit, sondern viele. Daher stellt ein Sowohl-als-auch-Denken einen wichtigen Beitrag zum Umgang mit Ambiguität dar.

Kritik

Der Begriff „Resilienz“ wird durchaus auch kritisch gesehen, da er als „boundary object“ sehr oberflächlich verwendet wird und daher eine klare Eingrenzung oft nicht möglich ist.

„Das boundary object bzw. Grenzobjekt ist ein Konzept aus der Soziologie, um die unterschiedliche Nutzung von Informationen durch unterschiedliche Gruppen zu beschreiben. Sie sind plastisch, werden von verschiedenen Gruppen unterschiedlich interpretiert, enthalten aber genug unveränderlichen Inhalt, um eine globale Identität zu wahren.“ Quelle: Wikipedia

Hintergrund

Der Begriff der Resilienz geht, wie einzelne Elemente der Rede von der Nachhaltigkeit, auf die Krise der 1970er Jahre zurück. An ihrem Anfang stehen die Arbeiten des Ökologen Crawford Stanley Holling. Sein bahnbrechender Artikel Resilience and Stability of Ecological Systems aus dem Jahr 1973 begründete die Ungleichgewichtsökologie und löste damit die bis dahin dominierenden Modelle eines ökologischen Gleichgewichts ab. Holling stellt fest, dass die ökologische Krise unzureichenden ökologischen Theorien geschuldet sei. Anstelle eines statischen Gleichgewichtsmodells mit dem Fokus auf der Stabilität eines Systems plädiert Holling für eine Perspektive der Resilienz: »Resilienz bestimmt die Aufrechterhaltung von Beziehungen in einem System und misst die Fähigkeit dieser Systeme, die Veränderung von Zustandsvariablen, Antriebsfaktoren und Parametern abzupuffern, und sich selbst zu erhalten.« Stabilität dagegen, so Holling, »besteht in der Fähigkeit eines Systems, zu einem Gleichgewichtszustand nach einer zeitweisen Störung zurückzukehren.«

Anpassung an die Gefahr von Krisen bedeutet in der vorherrschenden Sicht auf Resilienz daher nicht eine klassische Vorbereitung für den Ernstfall, sondern ganz im Gegenteil eine nie abschließbare, permanente Einsatzbereitschaft, ein Notfall auf Dauer. Die Katastrophe soll das Denken und Handeln bestimmen, die Normalität soll von ihrem Zusammenbruch her gesehen und geschützt werden. Die imaginierte Katastrophe ist dabei völlig unbestimmt, sie kann in einem Terrorangriff wie im Ausbruch einer Seuche, in einer Energiekrise wie in einem Hurrican bestehen. [Siehe auch Integrierte Sicherheitskommunikation]

Quelle: Resilienz und permanente Krise

 

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  1. […] mehr die fehlende bzw. unzureichende Sicherheitskommunikation bemerkbar, um mit unerwarteten bzw. VUCA-Entwicklungen besser umgehen zu […]

  2. […] Folgen ausgelöst werden. Wie immer gilt auch hier ein sowohl-als-auch-Denken, bzw. die Ambivalenz, die zu beachten […]

  3. […] Folgen ausgelöst werden. Wie immer gilt auch hier ein sowohl-als-auch-Denken, bzw. die Ambivalenz, die zu beachten […]

  4. […] der Begriff „Hacker“ verwendet wird. Auch hier sind wir wieder mit der Ambivalenz von VUCA […]

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