Die Netzwerkgesellschaft

 

Ein wesentlicher Treiber für die Veränderungen nach dem Ende des Kalten Krieges war die exponentiell ansteigende Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), der Basistechnologie des 5. Kondratieff-Zykluses, ab den 1990er Jahren. Mit den Kondratieff-Zyklen werden zyklische Wirtschaftsentwicklungen in der Dauer von rund 40-60 Jahren, wo je eine Basistechnologie/-innovation die Entwicklungen bestimmt hat, beschrieben. Demnach befinden wir uns aktuell im abklingenden 5. bzw. am beginnenden 6. Zyklus, also in einer Umbruchphase, auch wenn der Übergangszeitpunkt nicht genau definierbar ist.

  1. Dampfmaschine, Frühmechanisierung, Industrialisierung → Kraft;
  2. Eisenbahn → Transport;
  3. Elektrotechnik- und Schwermaschinen; Chemie → Verarbeitung;
  4. Integrierter Schaltkreis, Kernenergie, Transistor, Automobil → Automatisierung;
  5. Informations- und Kommunikationstechnik → Integration, Globalisierung;
  6. Wahrscheinlich Psychosoziale Gesundheit, Biotechnologie, Bildung.

Der Ausgangspunkt dieser Veränderungen ist dabei in den 1950er Jahren zu suchen, als der Computer erfunden wurde. Diese leiteten zugleich auch die Transformation zur Netzwerkgesellschaft ein.

Netzwerkgesellschaft: Häufig auch als Informations- oder Wissensgesellschaft bezeichnet. Weitere Bezeichnungen: Transformation 21 (Fredmund Malik), Zweite Moderne (Ulrich Beck), The Third Wave (Alvin Toffler) (siehe Literaturliste), „Digitalisierung“, u. a. Entscheidend ist nicht so sehr das Wissen, dass eine immer kürzere Halbwertszeit aufweist, sonder die Vernetzung dieses, um einen Mehrwert zu erzielen. Also die Kooperation und Vernetzung über bisherige Systemgrenzen hinaus.

Während die Industriegesellschaft durch

  • Standardisierung,
  • Synchronisierung,
  • Zentralisierung (hierarchische Strukturen) oder durch
  • Konzentration (Massenheere, Massenmedien, Massenproduktion, Arbeit in der Fabrik)

gekennzeichnet ist, wird die nun sich etablierende Netzwerkgesellschaft durch genau gegenteilige Kennzeichen charakterisiert. Es kommt zu einer

  • Individualisierung (Produkte, Lebensweise),
  • zur Autokoordinierung (über/durch das Internet, ad-hoc Vernetzungen),
  • zur Dezentralisierung (Energiebereitstellung, bzw. verlieren Nationalstaaten ihre Bedeutung) und
  • zur dynamischen Vernetzung statt Konzentration, was wiederum hierarchische Strukturen in Frage stellt.

Die Netzwerkgesellschaft etabliert sich neben der Agrar- und Industriegesellschaft als dritte wesentliche Gesellschaftsform. Unabhängig von der jeweiligen religiösen oder wirtschaftlichen Weltanschauung.

Der Transformationsprozess von der Agrar- zur Industriegesellschaft, zwischen ca. 1650 und 1750, ist nicht reibungsfrei verlaufen und hat so manches bis dahin gültige Weltbild über den Haufen geworfen. Ähnliche Turbulenzen zeichnen sich auch heute ab. Dabei wird die bisherige Agrar- und Industriegesellschaft nicht vollständig abgelöst, sondern sie entwickelt sich parallel dazu, was zusätzliche Herausforderungen schafft. Konflikte haben daher häufig mit den damit verbundenen unterschiedlichen Wertemustern und Denkweisen zu tun und weniger mit den häufig vorgeschobenen Motiven, wie etwa religiöser Art.

Bemerkenswert ist, dass sich die abzeichnenden Lösungen und Denkweisen der Netzwerkgesellschaft viel stärker mit der Agrar- als mit der Industriegesellschaft decken, was auch mit der vorherrschenden Energienutzung zu tun hat. Die Industriegesellschaft war durch das fossile Zeitalter geprägt, was wahrscheinlich noch weitreichende Nachwirkungen haben wird, wie etwa durch den sich abzeichnenden Klimawandel. Darüber hinaus zeichnet sich ab, dass Lösungen der Netzwerkgesellschaft, beispielsweise dezentrale Energieversorgungssysteme oder Produktionsmethoden, auch zu einer positiven Weiterentwicklung in der Agrargesellschaft, etwa in entlegenen Regionen, beitragen können. Damit könnten auch wichtige sicherheitspolitische Ziele, wie die Stabilisierung vor Ort, gefördert und unterstützt werden. Wenn ein würdiges Leben vor Ort möglich ist, sinkt der Migrationsdruck bzw. das Konfliktpotential. Die durch die Industriegesellschaft geschaffene Chancenungleichheit oder Ressourcenprobleme könnten damit wieder reduziert werden. Dabei zeichnet sich auch das Ende des vorherrschenden Wachstumsparadigmas ab, da dieses auf einer Welt mit begrenzten Ressourcen nicht nachhaltig ist und selbstzerstörerisch wirkt. Die wesentliche Frage dabei ist noch, wie und ob uns eine Abkehr ohne einer „Schöpferischen Zerstörung“ gelingt.

„Schöpferischen Zerstörung“: Ein Begriff aus der Makroökonomie, dessen Kernaussage lautet: Jede ökonomische Entwicklung (im Sinne von nicht bloß quantitativer Entwicklung) baut auf dem Prozess der schöpferischen bzw. kreativen Zerstörung auf. Durch eine Neukombination von Produktionsfaktoren, die sich erfolgreich durchsetzt, werden alte Strukturen verdrängt und schließlich zerstört. Die Zerstörung ist also notwendig − und nicht etwa ein Systemfehler −, damit Neuordnung stattfinden kann. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schöpferische_Zerstörung

Aus dieser Perspektive erscheinen so manche Widersprüchlichkeiten und aktuelle Entwicklungen in einem anderen Licht. Etwa die Auflösung der häufig künstlich geschaffenen Nationalstaaten im arabischen Raum, oder, dass es durch eine dezentrale Energieversorgung zu massiven Machtverschiebungen kommt, die von den etablierten und konzentrierten/zentralisierten Machthabern wahrscheinlich nicht ohne weiteres hingenommen werden. Natürlich berücksichtigt das hier dargestellte einfache Ursache-Wirkungsmodell viele Aspekte nicht, die auch noch eine Rolle spielen.

Es gibt verschiedene Modelle, die aus der Vergangenheit zyklische Entwicklungen ableiten bzw. beschreiben. Gemein ist ihnen, dass sie eine große Umbruchphase für diese Dekade prognostizieren. Die Anzeichen für größere Umbrüche sind bereits mehr als deutlich, wobei die tatsächliche Tragweite erst im Nachhinein beurteilt werden kann.

Weiterführende Informationen:

 

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