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Wir brauchen Netzwerke, die ihr eigenes Ding machen

 

Quelle: www.zukunftsinstitut.de

Der Resilienzforscher und Philosoph Harald Katzmair (FASresearch) über soziale Netzwerklogiken in Politik und Wirtschaft.

Netzwerke mit großen gegenseitigen Abhängigkeiten können sehr instabil sein – das zeigte spätestens die letzte Finanzkrise. Was schützt gegen solche Kaskaden­effekte?

Kaskadeneffekte sind die Folge von zu viel Vernetzung [systemische Risiken], aber mehr noch von Netzwerken, in denen es nur eine einzige „Währung“ und eine globalisierte Statusökonomie gibt: Alle haben ein ähnliches Mindset, finden dieselben Sachen erstrebenswert. Die Antidote sind Modularisierung [Energiezellen] und Dezentralisierung [lebensfähiges System] – und vor allem Autonomisierung: Wir brauchen Netzwerke, die eigene Wege gehen, ihre eigene Kultur entwickeln und „ihr eigenes Ding machen“. Wenn alle zur selben Zeit nach den gleichen Regeln spielen, betrifft eine Krise sofort alle. Wenn die Player hingegen eine Vielzahl verschiedener „Spiele“ spielen – wie etwa in Städten mit ihrer charakteristischen Diversität –, können Krisen abgepuffert werden. Es gibt dann immer einen Teil im System, der nicht betroffen ist und anderen Teilen helfen kann, sich zu erneuern.

Werden dezentrale, selbstorganisierte Netzwerke nach dem Vorbild des Blockchain-Prinzips künftig erfolgreicher sein als zentral gesteuerte und hierarchisch strukturierte Netzwerke?

Es geht um beides [sowohl-als-auch]: Strategiefähige, resiliente Netzwerke sind radikal zentralisiert und dezentralisiert zugleich. Die Zentralisierung ist notwendig, um abgestimmt und ausgerichtet zu handeln [orchestriert], die Dezentralisierung, um adaptiv zu sein. Ein Baum hat Millionen von Blättern und einen starken Stamm zugleich. Reine Dezentralisierung führt dazu, dass die Kräfte zum entscheidenden Zeitpunkt verstreut bleiben. Reine Zentralisierung führt andererseits dazu, dass das System verletzlich und angreifbar wird – und vor allem, dass die Such- und Lernprozesse nicht mehr funktionieren.

Kommentar

Eine hervorragende und kurze Beschreibung, was robuste Systeme ausmacht und warum wir auch im Energieversorgungssystem ein Energiezellensystem und dort eine Bevorratung wie auch ein Orchestrieren benötigen. Oftmals wird entgegen gehalten, dass das Internet oder auch die Stromversorgung schon heute so gebaut sind, was ja auch teilweise stimmt. Im Internet stimmt das auf technischer Ebene, wenngleich wir dort einen zunehmenden Verlust an technischer Diversität beobachten müssen. Die Dienste, um die es eigentlich dann geht, sind aber mittlerweile weitgehend zentralisiert (Netzwerkeffekt; the winner takes it all). Siehe Google, Facebook & Co. Auch im Stromversorgungssystem führt vor allem der Markt und der überregionale Stromhandel dazu, dass eine Gleichmacherei passiert und die Rückfallebenen zunehmend schwinden. Die Sucht nach zu hoher Effizienz oder auch alles beherrschender Macht vernichtet die immer notwendigen Toleranzfelder, welche die im wirklichen Leben unerlässlichen Freiräume für autonomes Handeln schaffen. Die ebenfalls häufig vorgenommene Fragmentierung erleichtert zwar die Analyse der Teilbereich, erschwert aber gleichzeitig in hohem Maße oft die Synthese durch die mangelnde oder gar fehlende Sicht auf das Ganze.

Siehe etwa auch: Netzwerke gefährdeter als gedacht

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