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Fallstudie Blackout und seine Folgen

 

Fallstudie BLACKOUT_Stand 08 11 17

Worauf sich die Bevölkerung des Pinzgaus bei einem großräumigen Strom- und Infrastrukturausfall einstellen sollte und wie eine resiliente Gesellschaft eine derartige Katastrophe überstehen kann.

Die österreichische Bevölkerung darf zurecht stolz darauf sein, dass die Versorgung mit elektrischer Energie in unserem Land bislang sehr gut funktioniert und in den letzten 15 Jahren nur ganz wenige Stromausfälle zu verzeichnen waren, die mehrere Stunden andauerten und die nicht binnen kürzester Zeit wieder behoben werden konnten. Andere europäische Staaten waren hingegen schon einmal von einem großräumigen Strom- und Infrastrukturausfall (Blackout) betroffen, der länger anhielt und erhebliche Teile der Gesellschaft lahmlegte. Die Wahrscheinlichkeit von Blackouts in Europa nimmt allerdings zu, weil die Bedeutung von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien zur Steuerung der komplexen Stromnetze steigt und dadurch vermehrt Störungen auftreten, welche die regionale und überregionale Versorgung mit elektrischer Energie gefährden.

Länder, Bezirke und Gemeinden werden ein Blackout nur dann meistern, wenn sie bereits im Vorfeld für einen effektiven Katastrophenschutz gesorgt und rechtzeitig eine wirksame Katastrophenhilfe aufgebaut haben. Die Bevölkerung muss psychisch und organisatorisch darauf vorbereitet sein, mehrere Tage auch dann zu überstehen, wenn keine elektrische Energie über bestehende Stromnetze geliefert wird und die regionale Infrastruktur schwer beschädigt ist. Dies erfordert eine konsequente Krisenvorsorge aller Betroffenen.

Die vorliegende Fallstudie wurde verfasst, um:

Führungskräften in militärischen Kommanden und Verbänden Grundlagen zur Verfügung zu stellen, die eine realistische Beurteilung der zivilen Lage im Blackout-Fall ermöglichen und wirksame Maßnahmen bei Assistenzeinsätzen (etwa zum Schutz kritischer Infrastrukturen) zur Folge haben sowie

Personen im Pinzgau zu unterstützen, die sich mit Katastrophenschutz und Katastrophenhilfe intensiv beschäftigen. Deren Anliegen muss es auch sein, die Bevölkerung zur individuellen Krisenvorsorge zu motivieren und sie bei den Vorkehrungen auf einen Blackout-Fall zu beraten.

Das fiktive, aber durchaus denkbare Blackout-Szenario soll veranschaulichen, welche Folgen ein plötzlicher, überregionaler und mehrtägiger Strom- und Infrastrukturausfall für die Bevölkerung des Pinzgaus haben könnte. Die Checklisten und Krisenpläne sind als Denkanstoß zu verstehen. Einzelpersonen, Familien, Unternehmen, Gemeinden und die Bezirksverwaltungsbehörde sollen prüfen, welche der vorgeschlagenen Maßnahmen zur Krisenvorsorge für ihren Bereich nutzbar sind und welche Vorkehrungen noch zusätzlich für die Bewältigung eines Blackouts erforderlich sind. Regionalpolitiker müssen dafür sorgen, dass die Blackout-Krisenpläne des Bezirks (Unternehmen, Gemeinden, Bezirkshauptmannschaft) inhaltlich abgestimmt werden und wichtige Katastrophenschutzmaßnahmen sowie Vorkehrungen zur Katastrophenhilfe im Rahmen realistischer Übungen praktisch getestet werden.

Methodischer Ansatz:

Im Zug der Erstellung dieser Fallstudie lotete der Autor in zahlreichen Gesprächen mit Bürgern aus, inwiefern sie mit dem Thema Blackout vertraut sind und bereits Maßnahmen zur konkreten Krisenvorsorge getroffen haben. Erkundungen vor Ort und Absprachen mit Fachleuten (etwa Brunnenmeister) führten zu den vorgeschlagenen Checklisten und Blackout-Krisenplänen.

Kommentar

Dr. Bernhard Schmid, Bad Ischl, 22.1.2018

Tolle Arbeit, enorm wichtig ein regionales Szenario zu erstellen um die unzähligen Fragezeichen aus dem sehr theoretischen  Fragenkomplex zielgericht für die jeweilige Region zu beantworten!

Dem Grundprinzip Eigenvorsorge (s. Pyramide) als wichtigstem Tool ist nichts hinzuzufügen – wegnehmen würde ich für unsere Bereiche jegliche „Bewaffnung“ (siehe Katastrophenmythen).

Die Szenarien sind realistisch, vielleicht in Einzelpunkten etwas überladen, aber natürlich könnte es gerade eine Kältewelle und dann sofort eine Schneekatastrophe geben …?

Um möglichst viele praktikable Vorbereitungen zu planen ist auch das erlaubt.

Einige Punkte darf ich hinterfragen:

Panikverhalten, Gewaltausbrüche, Plünderungen, “Katastrophenmythen”

Im Rahmen meines Jahrganges beim postgraduate Studium Risikoprävention/Katastrophenmanagement an der Uni Wien (OeRisk) durfte ich mit 2 Kolleginnen eine Arbeit über Massenpanik, Plünderungen etc. durchführen. Gott sei Dank -mangels mitteleuropäischer Szenarien überwiegend Recherchearbeiten!

Conclusio unserer Recherchen: Pinzgau oder das Salzkammergut sind nicht New Orleans oder Mexico City!

Kurzfristige Panik bei Verengung der Wege (Berg Isel 1999, Loveparade Duisburg 2010) sind leider reel, Bewusstsein bei Veranstaltern deutlich gestiegen, bauliche/behördliche Vorgaben vielfach umgesetzt (s. Evakuierung großer Fußballstadien)!

Dort wo Bandenkriminalität den „normalen“ Alltag prägt, ufert sie in Katatstrophensituationen aus. Dort wo „österreichische“ Verhältnisse herrschen, ist das in einem Zeitraum von 5 Tagen Blackout NICHT zu befürchten! Ladendiebstähle wird es geben, Rumoren auf der überfüllten Schihütte auch. Na und?

Strategie: Information, Entwicklung beobachten ABER KEINE großen Extra-Ressourcen einplanen zur Bandenbekämpfung o.ä.! Ressourcen die in dieser Situation anderweitig wichtiger sind!

Info-Triage

2006 erlebten wir im inneren Salzkammergut die sogenannte Schneedruckkatastrophe: Innerhalb kürzester Zeit (ca. 24h!) stellte sich die gesamte Einwohnerschaft auf „VITA MINIMA“ (auf das äußerste Mindestmaß reduzierte Lebensfunktionen) um: Individualverkehr reduziert, es gab Nachbarschaftshilfe vom besten (siehe auch Katastrophenmythen), Einkaufsgemeinschaften etc.

INFO damals: zu Hause bleiben, keine riskanten Dachaktionen, Hinweis Risiko Gruppendynamik („wenn der Nachbar schaufelt, muss i a aufi…“), Großteil der Dächer stabil, zentrale Meldestelle wer Dachschaufler braucht! In den 2 Wo.  2 schwerwiegende Personenereignisse davon 1 Herzpatient verstorben, der 2h vor angekündigter Hilfe selber auf das Dach stieg.

Vor ca. 2 Jahren Einladung zu Planspiel Behördenstab BH Gmunden: Ca. 25 Leute von BH und allen Rettungsorganisationen, jeweils mit Stellvertreter! Übungsannahme Schneekatastrophe. Ich habe 90 Minuten zugehört und beobachtet, war der einzige ohne dem scheinbar wichtigsten Werkzeug, einem Laptop mit installiertem Katastrophenschutzprogramm!

Die begrüßenswerte Initiative des Kennenlernens, Rollen Zuteilens im Behördenstab wurde durch das Abstimmen aller einlangenden Infos am eigenen Laptop und dem permanenten Blick auf eigenen Laptop konterkariert. Das personell hochkarätige Potential der fachspezifischen Risikomanager (Blaulicht, Wildbach, Straßenverwaltung u.s.w.) wurde mit Infos „zugemüllt“ – jeder bemühte sich auf seinem Laptop am aktuellsten Stand zu bleiben??

Im medizinischen Großschadensbereich ist die wichtigste Funktion längst vergeben: Chef der Triage ist kein Transplantations-Chirurg sondern am besten ein niedergelassener Praktiker mit guter Notfallkompetenz! Aufgabe: FILTER – Setzen von Prioritäten in Transport + Behandlung, Zurückstellen banaler Probleme und MUT infauste Probleme ebenfalls zurückzustellen!

Die Führungskräfte brauchen nicht zu wissen, ob 3 Kühe entlaufen sind, die INFO-Triage-Stelle (höchste Kompetenz!)  notiert auf mehreren Flipcharts/Glaswand die brennenden Probleme.

Auf 25 Laptops gab es endlose Listen an Ereignissen aber keine Übersicht!

Disponenten der RLZ sind überwiegend perfekt im Abfragen der „Anamnese“ – die berühmten „W-Fragen“ – auch in der Indikationsstellung DRINGEND bestens geschult! Diese Kompetenz sollte man nützen!

Schneedruck Bad Ischl 2006: 2 junge newcomers im Katastropnemangement hatten innerhalb weniger Stunden den Dreh heraußen am Krisentelefon: Aufnehmen, Abfragen, Beruhigen, mögliche Optionen aufzeigen, ansonsten Hilfe in Aussicht stellen- ungefähren Zeitplan mitteilen und korrekt informieren, den Nachbarn weitersagen!

Gesundheitsversorgung

Entscheidend ist auch hier die proaktive frühe INFO: „Es gibt ein Schadensereignis in der Größenordnung von z.B. 5 Tagen, rechnen sie mit …!“:

VITA MINIMA ist angesagt: ab diesem Zeitpunkt beginnt die systematische „Entleerung“ der Krankenhäuser! Zugegeben eine Hausnummer von mir: 40% der stationären Patienten können ohne Schaden zu erleiden nach Hause entlassen werden! Op- u. Intensivmedizin = Reduktion auf Akutereignisse. Das gelingt übrigens auch je nach Abteilung meist knapp vor Weihnachten, manche Abteilungen werden über die Feiertage geschlossen!

Damit erschließt man Kapazitäten an Raum und Personal!

  • Nach über 20 Jahren als gemeinsamer Leiter einer privaten Dialysestation einige Erfahrungen: Strombedarf hoch, Reduktion der Behandlungsdauer (z.B. von 5h auf 3-4h und Verlängerung der Intervalle individuell machbar für Zeitraum von einer Woche). Anzahl der Behandlungsplätze kurzfristig unmöglich zu erhöhen. Beispiel Bad Ischl 2006: Verlängerung der Anfahrtszeiten für Patienten aus Raum Gmunden/Vöcklabruck von 1h auf 2h da Umweg über Mondsee notwendig! Rückreise detto. Wurde ebenso gut akzeptiert wie die teils notwendigen kürzeren Behandlungszeiten-und längeren Behandlungsintervalle! Hohe Flexibilität des Personals vorausgesetzt.
  • IRRTUM: ohne Strom keine Arztpraxis möglich! Man kann sehr wohl die Basisarbeit als Praktiker erfüllen: Strategie VITA MINIMA! Niemand kommt in dieser Situation, weil es im Hals kratzt oder der Blutdruck zu kontrollieren ist! Unsere teilweise „over protected medicine“ wird zurückgefahren, Rezepte kann man mit der Hand schreiben. Kein Kollege wird die notwendige Behandlung verweigern, weil er die ecard nicht einlesen kann oder der PC tot ist und in diesen 5 Tagen vielleicht etwas unbezahlt zu leisten ist!

Erfahrung bezüglich Frequenz: ich war 12 Tage im Krisenstab bei Schneedruckgeschichte beschäftigt mit Organisation der Bergretter, Bundesheeralpinisten und Feuerwehr-Höhenrettung als Sicherungstruppe (tgl. ca. 60 Mann – Supertruppe!) f. bis zu 400 Mann „normale“ – sehr brave Schaufler (FF+BH). Daneben habe ich tgl. ca. 2-3h meine Allgemeinpraxis betrieben, kaum Visiten in dieser Zeit notwendig – das war ausreichend: Strategie VITA MINIMA hat bei den Leuten gegriffen!

  • Medikamente:
  1. Krankenhaus: Medikamenten Vorhaltepflicht von 10 Tagen wird bereits erfüllt. Komplettversorgung mit jedem möglichen „Detail“-Medikament nie machbar – auch nicht notwendig! Wer in dieser Phase von Kobra gebissen wird, bekommt das entsprechende Serum aus München vermutlich nicht rechtzeitig. Basisversorgung in Krankenhäusern ist gesichert – Strategie: VITA MINIMA
  2. Ambulanter Bereich: Überwiegend gute häusliche Versorgung mit Medikamenten + Nachbarschaftshilfe! Reicht für Selbstmedikation zu Hause.

Apotheken haben für Basisversorgung auch langen Atem. Switchen auf Generika, gruppengleiche Medikamente. Wer in dieser Situation genau den Magenschutz von seiner Firma haben will, der ist nicht krank. Strategie: VITA MINIMA

VITA MINIMA beugt Erkältungskrankheiten und Grippewellen vor bzw. schränkt sie ein!

  1. Szenario lokale Infektionskette mit multiresistenten Keimen gehört für mich nach 40 Jahren niedergelassener Medizin in das Kapitel Panikmache! Vorbereitungen auf „exotische“ Dinge können nicht Aufgabe der Risikoprävention sein – sie bleiben immer dem jeweiligen Improvisationsgeschick des Führungsstabes überlassen. Gehören für mich in das Kapitel „Meteoriteneinschlag“: wie sieht da die Prävention aus??

Alpinbereich: Exakte lokale Kenntnisse fehlen mir = wichtigstes tool im BRD Bereich um helfen zu können. Ob man über ehemaligen Unglückstollen noch absteigen kann weiß ich nicht.

Szenario: Tausende bei Temp. unter -10° im Freien bei zwar überwiegend guter Kleidung ist schwierig. Möglicherweise am ehesten mit Art „Rotationsverfahren“ machbar? 2h draußen, 2h drinnen?

Versorgung: Wasser sollte machbar sein (Schnee: Willi Bauer hat u.a. tagelang bei Sturm auf 8.000m überlebt, weil er Becher mit Schnee gefüllt hat und am Bauch geschmolzen hat)), Tagesbedarf bei diesen Temperaturen gering, Nahrung hilfreich für die Psyche und Thermoregulierung – aber kein MUSS. Siehe auch Dolinenunfall Nähe Adamekhütte 11-2017! Unsere Fettreserven halten locker eine Woche Nahrungskarenz aus! „Toiletten“ im Freien rasch machbar.

Grundsätzlich aktives Absteigen „blockweise“ in Hundertschaften kontrolliert für mich vorstellbar, bin nur einmal mit Schiern abgefahren vor 15 Jahren, scheint mir bei guten Verhältnissen erheblichem Teil der Schifahrer zumutbar. Sinnvolle Aktivität (Abstieg) fördert die Compliance inkl. Körpertemperatur und Hilfsbereitschaft f. schwächere Schifahrer! Das Zurückhalten vor Ort mit Aussicht auf zweite Nacht ist eine Herausforderung, gelingt vermutlich nur beim schwächeren Klientel?

Fazit für mich als Salzkammergütler:

  • Es tut sich was.
  • Vorbeugen für VITA MINIMA möglich, eine Vorsorge das „normale“ Alltagsleben aufrecht zu halten im Katastrophenfall = falscher Ansatz! Gilt auch für Schulen und Betriebe! Chiuso -wo möglich und zwar bald! Natürlich nicht in der Bäckerei o.ä.!
  • Eigensicherung steht an erster Stelle, Bevölkerung sehr lernfähig.

Ausrüstung mit Schlagring & Elektroschocker gehören in Österreich (Konzept Pinzgau/Bad Ischl) dezidiert nicht zur Eigenvorsorge – halte ich für kontraproduktiv, nicht notwendig und gefährlich (Katastrophenmythen)! Zusperren + Alarmsirene ok!

Lenkung durch aktive, frühzeitige Information entsprechend den Kriterien der Krisenkommunikation.

  • Bauern miteinbeziehen: sind gewohnt autark zu arbeiten, zumeist viel Equipment + Dieseltank vorhanden!
  • Polizei, FF (manpower!) und RK sind und bleiben die Akutkräfte auf fast allen Ebenen.
  • Derzeit endlich Aufwertung von Bundesheer und Kasernen als Sicherheitszentrum – hoffentlich kein Strohfeuer! Transportkapazität! Anlaufzeit einkalkulieren bei Alarmierung. Beispielhaft: Leuchtturmprojekt Pinzgau.
  • BRD Ergänzung im Alpin-und Absturzbereich.
  • Erstellung regionaler Szenarien sind Voraussetzung für sinnvolle lokale Lösungen unter Einbindung der Bevölkerung. Szenarien nach dem Motto „das Häufige ist häufig!“ Panikszenarien (marodierende Räuberbanden) in der Vorbereitung vermeiden – das zieht ein Abblocken des Gesamtprojektes nach sich! Glaubwürdig bleiben.
  • POSITIVER Hintergrund mit realistischen Chancen – das hält uns J. Nestroy hintan: „Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang, lang, lang. . . “

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  1. […] Fallstudie Blackout und seine Folgen – Ausarbeitung eines konkreten Szenarios für den Pinzgau; auch als Muster für andere Bezirke verwendbar! […]

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