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VuK-Newsletter #29 – Es ist riskant, in die Zukunft zu schauen. Aber es ist verantwortungslos, es nicht zu tun.

 

Statt die Zukunft zu gestalten, “stolpern” wir von einer unglücklich getroffenen Entscheidung über das weitere Vorgehen in Sachen “Die Energiewende muss uns gelingen” zur nächsten Weichenstellung, die meist noch mehr in die Irre führt. Zwischenzeitlich haben wir einen chaotischen Zustand erreicht, der eigentlich zu einem Neustart Anlass geben sollte: Also zurück an den Anfang. Aber das wäre ja eine Blamage der politisch Handelnden.

Der chaotische Zustand ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass in Österreich die sogenannten “Engpassmanagementkosten” von 2 Millionen Euro im Jahr 2011 auf 324 Millionen Euro im Jahr 2017 gestiegen sind. Dieser Steigerungsfaktor müsste alle zum Nachdenken zwingen. Aber da das ja “nur” den Stromkunden über die intransparenten Netznutzungskosten auferlegt wird und denen das nicht einmal bewusst ist, kümmert dies nicht weiter. Diese Kosten verdecken “nur” die Geldverschiebungen aufgrund irrwitziger, auf rein politischen Vorstellungen beruhenden Rahmenbedingungen, welche die Naturgesetze ad absurdum führen. In Deutschland betragen diese Kosten inzwischen über eine Milliarde Euro und steigen weiterhin stark an. Das sind keine Kosten, um weiterhin einen tagtäglich sicheren Netzbetrieb aufrecht erhalten zu können. Es sind auch keine Kosten für Investitionen in die Zukunft. Die Gründe für diese Kosten sind “nur” Zahlungen, welche den Kunden belasten, um zum einen die verqueren und rein ideologisch begründeten Vorstellungen über eine Gestaltung der Energieversorgung durchzusetzen und zum anderen sind es “Geschenke” an Investoren. Diese haben aufgrund von gegebenen Förderzusagen Einrichtungen geschaffen, bei denen zu bestimmten Zeiten die Netzbetreiber die Stromeinspeisung verbieten müssen, weil der Transport mit dem vorhandenen Netz nicht mehr möglich ist. Dann müssen die angemeldeten Fahrpläne geändert werden. Für die Bevölkerung nicht nachvollziehbar, wird das mit “Redispatch” benannt. Dazu kommt, dass zu Zeiten mit geringem Strombedarf ein zum Teil bereits extremer und wiederum für den normalen Menschen unverständlicher Export (aus Deutschland) ins nahe Ausland erfolgen muss, der sogar Zahlungen ins Ausland erforderlich macht. Das wird mit “negativen” Strompreisen bezeichnet, was ein Unsinn in sich ist und wiederum die Bevölkerung täuscht. Denn Strom ist einfach kein Abfall, der entsorgt werden muss. Aber trotzdem wird an der total verunglückten Konstruktion eines “Energy-only-Market” festgehalten.

Den Übertragungsnetzbetreibern ist gesetzlich auferlegt, die entsprechenden Maßnahmen umzusetzen und Zahlungen zu leisten. Das sind dann durchlaufende Posten, denn über die Netznutzungsentgelte werden die damit entstehenden Kosten den Stromkunden auferlegt. Zwar achten die Regulatoren darauf, dass das den Gesetzen entsprechend korrekt erfolgt. Aber diese Gesetze sind das eigentliche Grundübel, denn mit Netzkosten haben diese Kosten nichts zu tun. Sie verdecken Fehlentscheidungen.

Wir haben nun auch diesen Winter erfolgreich überstanden, aber um welchen Preis. Die bisherigen “Engpassmanagementkosten” für die beiden ersten Monate in 2018 liegen bereits über den bisherigen Höchstwerten. Erfreulich ist nur, dass die Übertragungsnetzbetreiber europaweit kooperativ zusammen arbeiten, wie im Beitrag “Wie potenziellen Blackout-Situationen in Europa entgegengewirkt wird” aufgezeigt wird. Diese bisher über Jahrzehnte hinweg selbstverständliche Kooperation erlebt aber nun einen beachtlichen Vertrauensbruch, welche in Form einer Netzzeitabweichung urplötzlich den Stromkunden bekannt wird, was diese aber in aller Regel nicht der eigentlichen Ursache zuordnen können. Wer hat schon Kenntnisse über die Wirkungsweise der Netzregelung, die bisher keinen kümmern musste.

Netzzeitabweichung – Folgen einer bewussten Unterdeckung im europäischen Stromversorgungssystem

Das europäische Verbundnetz zeichnet sich dadurch aus, dass es sehr genau mit 50 Hertz betrieben wird. Dadurch war es bisher auch möglich, Synchronuhren danach auszurichten. Die Netzfrequenz ist jedoch seit Anfang Jänner viel zu niedrig und hat damit am 14. März ihre bisher höchste Abweichung mit mehr als -380 Sekunden erreicht. Zur Zeit nähert sie sich zwar wieder der amtlichen Uhrzeit, auch wenn sie aktuell immer noch stark abweicht(23.03.: -294 Sekunden). Diese Abweichung wird durch systematische Fahrplanabweichungen durch den Verbundpartner SMM (Serbien, Montenegro und Mazedonien) verursacht. Ein derart systematischer und langanhaltender Missbrauch des Verbundnetzes war bisher nicht vorstellbar. Daher sehen wir das sogar deutlich schwerwiegender, als  Österreichs E-Control-Vorstand (Regulator) Andreas Eigenbauer, den die an sich als harmlos erscheinende Frequenzstörung aus anderen Gründen alarmiertEr sieht sie als “Indikator, wie knapp man an die Grenzen herangeht”. Manche Staaten würden offenbar hart an den Grenzen fahren.

Denn damit wird allen Anschein nach die bisher so erfolgreiche Kooperation der Übertragungsnetzbetreiber offenbar aufgekündigt. Wie das bisher bestehende Vertrauensverhältnis wieder hergestellt werden kann, halten wir für außerordentlich problematisch. Das Einwirken politischer Kräfte in naturgesetzlich in der Technik ablaufende Vorgänge kennt offenbar keine Grenzen mehr und es fehlt scheinbar in der Branche an Menschen, die solches Einwirken zumindest versuchen, zu verhindern bzw. ausreichend gehört zu werden. Hier gilt, dass das Unterlassen von dringend notwendigen Hinweisen auf Naturgesetze mitschuldig macht. Denn es geht hier nicht um irgendwelche Bagatellsachen, sondern um unsere Existenz!

Bevölkerungsverhalten in Krisen und Katastrophen

Aktuelle Studienergebnisse aus dem deutschen Forschungsprojekt smarter belegen einmal mehr den Mythos Panik: “Und vor allem ist es wichtig festzuhalten, dass kopfloses, antisoziales Verhalten die Ausnahme ist, während der Regelfall die Selbsthilfe, Selbstorganisation und vor allem auch die Hilfe für Dritte ist.” Hier tritt eine gravierende Fehleinschätzung über das Miteinander der Menschen zutage, die heute immer noch – allerdings mehr in Regionen außerhalb größer Städte – die Regel ist. Auch in Österreich führten Recherchen zur Widerlegung von zahlreichen Katastrophenmythen. Daher gilt es immer wieder diesen Fehleinschätzungen entgegenzuwirken, auch wenn gewisse Unsicherheitsfaktoren wie der besonders schlechte Eigenvorsorgegrad, nicht wegzuleugnen sind. Unser gemeinschaftliches Ziel muss es jedoch sein, eine derart mögliche Eskalationen möglichst lange hinauszuschieben und durch geeignete Gestaltung der Strukturen eher unwahrscheinlich werden zu lassen sowie durch Vorsorgemaßnahmen in ihren Auswirkungen stark zu dämpfen.

Das geht nur, wenn wir nicht wegschauen, sondern uns aktiv einbringen. Das beginnt mit der eigenen Vorsorge, damit zumindest 1-2 Wochen kein Einkaufen nötig ist (siehe Checkliste Basisvorrat bzw. auch die überarbeitete Version von Was kann ICH tun? – Verhalten während und nach dem Stromausfall). Denn die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern wird auch nach dem Stromausfall noch tagelang nicht im ausreichenden Ausmaß anlaufen! Zum anderen müssen wir als Gemeinschaft verhindern, dass speziell die Infrastruktur von Supermärkten zerstört wird. Denn das würde unweigerlich zu einer noch viel längeren Verzögerung beim Wiederanlauf der lokalen Versorgung führen. Die Sicherheitskräfte werden dafür nicht ausreichen. 

Kommunale Vorsorge

Das deutsche Forschungsprojekt „Interkommunale Konzepte zur Stärkung der Resilienz von Ballungsgebieten (INTERKOM) hat sich ebenfalls mit den Handlungsoptionen von Kommunen im Fall eines Blackouts beschäftigt. Eine vertiefende Auswertung wird es dazu im nächsten Newsletter geben. Hier ein paar Aussagen vorweg, denen wir nicht viel hinzufügen können:

Unsere Kommunen fangen – bis auf wenige Ausnahmen – erst jetzt an, sich mit solchen, durchaus realistischen, Szenarien auseinanderzusetzen. Einige wenige – etwa Dortmund – haben immerhin bereits Planungen für den Pandemiefall. In Hannover gibt es bereits sehr gute Notfallpläne für einen flächendeckenden Stromausfall. Grundsätzlich gilt: Kommunen müssen vor Eintritt des Ernstfalls Aufgaben priorisiert und Zuständigkeiten festgelegt haben. Ganz oben auf der Liste: Die Versorgung der Bevölkerung mit allem Lebensnotwendigem und das Funktionieren des Rettungsdienstes. Ganz oben auf der Liste kommunaler Maßnahmen stehtin jedem Fachbereich die Kernaufgaben in einer Krisensituation zu identifizieren, Maßnahmen zu deren Aufrechterhaltung zu entwickeln und das Handling einer Krisensituation im kommunalen Krisenstab zu üben.

Komplexe Probleme lösen – Ein Handbuch

Eine besondere Leseempfehlung haben wir für all jene, die mit komplexen und unübersichtlichen Situationen oder Planungsarbeiten zu tun haben: “Komplexe Probleme lösen: Ein Handbuch”

Sollten Ihnen Aussagen wie: “Viele Versuche, ein Problem zu beheben scheitern nicht an der „falschen“ Lösung, sondern weil die Problemstellung nicht hinreichend analysiert wurde und man sich deswegen von vornherein mit dem „falschen“ Problem beschäftigt hat.” oder “Es ist riskant, in die Zukunft zu schauen. Aber es ist verantwortungslos, es nicht zu tun – und ein Planen ist dann schlicht unmöglich.” zusagen, dann finden Sie hier sicher weitere nützliche Hilfestellungen für Ihre Arbeit! Eine detailliertere Auswertung finden Sie online.

Verschiedene Meldungen und Berichte

Sammlung von diversen Medienberichte ohne weitere Kommentierung.

Analysen und eigene systemische Betrachtungen

Krisenmanagement und Krisenvorsorge

Stromversorgung & Blackout

Energiezellen

Cybersicherheit

Blicke auf die Situation im europäischen Stromversorgungssystem

Die angeführten Beispiele stammen rein aus öffentlich verfügbaren Quellen. Sie zeigen die aktuellen Herausforderungen auf und sollten uns an die Truthahn-Illusion erinnern.

  • Negativstrompreistage – Auswertung der Tage mit Negativstrompreisen bzw. Preisen unter 20 Euro. 2018 gab es bereits 70 Stunden mit Negativpreisen.

 

Auswertung bis 22.03.18 

  • Studie: Versorgungssicherheit in Deutschland bleibt bis 2024 hoch – es soll sich alles ausgehen. Wichtig der Disclamer: It must be noted that the conclusions in this report are inseparable to the hypotheses described and can only be read in this reference framework. Wir können zwar keine Zahlen entgegenhalten, aber so wie die Entwicklungen bisher gelaufen und die Planungen für die nächsten Jahre avisiert sind, gehen wir nicht davon aus, dass wir die nächsten fünf Jahre unbeschadet überstehen werden. Wir können es nicht beweisen. Aber …
    … Man kann an der Truthahn-Geschichte auch die Urform aller fatalen Fehlschlüsse ablesen: das Verwechseln der Abwesenheit eines Beweises (für eine Gefahr) mit dem Beweis für die Abwesenheit, das heißt die Nichtexistenz (dieser Gefahr). Nassim Taleb, Antifragilität
    Warum wird die Aussage der Studie so optimistisch formuliert, wenn gleichzeitig mit dem Disclaimer (den eher kaum einer liest oder ernst nimmt) die Aussagekraft der Studie deutlich gemindert oder sogar konterkariert wird. Wozu dann überhaupt eine solche Studie, wenn Aussage und Disclaimer sich gegenseitig ausschließen und leicht eine Fehlinterpretation ermöglicht wird (“Eh alles in Ordnung”)?

 

 

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  1. […] dazu auch unser Statement im Newsletter #29 bzw. die Aussage von Österreichs E-Control-Vorstand (Regulator) Andreas Eigenbauer, den die […]

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