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Ein europaweiter Strom- und Infrastrukturausfall („Blackout“) – das unterschätzte Katastrophenszenario

 

Immer wieder ist in der Öffentlichkeit von einem möglichen Blackout die Rede. Der deutsche Bundesinnenminister hat im Sommer 2016, der Schweizer Verteidigungsminister im Jänner 2017, sogar von der wahrscheinlichsten Großkatastrophe gesprochen. Bis zu sieben Tage könne es dauern, bis nach einem solchen Ereignis das europäische Stromversorgungssystem wieder halbwegs normal funktionieren würde. Wäre Ihr Unternehmen auf ein solches Ereignis vorbereitet?

Bereits 2011 kam das Büro für Technikfolgenabschätzung beim deutschen Bundestag zum Schluss, dass ein solches Ereignis zu einer „nationalen Katastrophe“ führen würde, weil weder die Bevölkerung noch die Unternehmen, noch der Staat hierauf vorbereitet sind. Spätestens am Ende der ersten Woche wäre eine Katastrophe zu erwarten, d. h. die gesundheitliche Schädigung bzw. der Tod sehr vieler Menschen, so die Einschätzung der Forscher.

Truthahn-Illusion

Die europäischen Netzbetreiber leisten eine hervorragende Arbeit, gibt es doch nirgends weniger Stromausfälle als in Mitteleuropa. Diese sehr hohe Versorgungssicherheit – auch in den meisten anderen Infrastruktursektoren – führt jedoch zu einem Verletzlichkeitsparadoxon. Je sicherer ein System ist bzw. zu sein scheint, desto weniger ist man auf mögliche Großstörungen vorbereitet. Die Handlungskompetenzen für den Umgang mit Großstörungen sind daher in vielen Bereichen unzureichend ausgebildet, da ja eh nichts passiert. Ein sehr gefährlicher Trugschluss, der in der Fachwelt auch als Truthahn-Illusion bezeichnet wird: Ein Truthahn, der Tag für Tag von seinem Besitzer gefüttert wird, nimmt aufgrund seiner täglichen positiven Erfahrungen (Fütterung) an, dass es der Besitzer nur gut mit ihm meinen kann. Im fehlt nämlich die wesentlichste Information, dass die Fütterung nur einem Zweck dient. Am Tag vor Thanksgiving, bei dem die Truthähne traditionell geschlachtet werden, erlebt er daher eine fatale Überraschung.

So ähnlich verhalten auch wir uns, wenn wir auf die bisherigen Erfolge zurückblicken und die sich massiv verändernden Rahmenbedingungen außer Acht lassen. Nicht, dass etwas schief gehen kann ist daher das Gefährliche, denn es gibt nirgends eine hundertprozentige Sicherheit, sondern dass wir das ausschließen und überhaupt nicht damit rechnen.

Mögliche Ursachen für ein Blackout

Es gibt eine ganze Reihe von potenziellen Auslöseereignissen, die zu einem Blackout führen können, wie etwa ein Systemversagen aufgrund der zunehmenden Komplexität mit den steigenden Instabilitäten im europäischen Verbundsystem (Überlastung von Teilen des Stromnetzes, ungleiche Lastverteilungen), Extremwettereignisse (z. B. Eisregen, Hochwasser, Hitzewellen, Muren), schwere Erdbeben, Terroranschläge auf wichtige Infrastrukturkomponenten, Cyber-Angriffe (wie am 23.12.2015 in der Ukraine) oder auch exotisch anmutende Ereignisse wie Sonnenstürme, wo durch einen Elektromagnetischen Puls (EMP) elektrische Anlagen zerstört werden können (zuletzt großflächig 1989 in Kanada).

Kumulation von Einzelereignissen

Die Netzbetreiber verstehen ihren Job und unternehmen alles, um ein solches Ereignis zu verhindern. Daher führt auch nicht ein Einzelereignis zu einem solchen Kollaps, sondern die Kumulation von an und für sich beherrschbaren Einzelereignissen zum falschen Zeitpunkt, wie zuletzt am 4. November 2006, wo es zur bisher größten Großstörung im europäischen Stromversorgungssystem kam. Binnen 19 Sekunden zerfiel das europäisch Stromnetz in drei Teile, wobei in Westeuropa rund 10 Millionen Menschen völlig ohne Strom waren. Damals gelang es mit viel Glück die Situation rechtzeitig zu stabilisieren und ein Blackout zu verhindern. Unter den heutigen Rahmenbedingungen rechnet jedoch kaum ein Techniker mehr damit, dass das ein zweites Mal glücken könnte. Zudem verändern sich die Rahmenbedingungen rasant und weitreichend, etwa durch Markteinflüsse („Unbundling“, Energy-Only-Markt) oder durch die Dezentralisierung der Erzeugung. Das europäische Stromversorgungssystem wurde jedoch für einfach berechenbare und steuerbare Großkraftwerke errichtet (siehe auch Wenn betriebswirtschaftliche Optimierungen systemgefährdend werden).

Auslöser ist entscheidend

Zum anderen hängt die Größe des betroffenen Gebietes als auch die Dauer eines solchen Ausfalls wesentlich vom Auslöseereignis ab, bzw. ob dabei wichtige Infrastrukturkomponenten zerstört wurden. Ein Systemversagen würde zwar weite Teile Europas mitreisen, jedoch in absehbarer Zeit wieder behebbar sein. Die Folgen eines erfolgreichen Cyber- oder Terror-Angriffes sind hingegen kaum abschätzbar. Nachdem die Dauer im Vorhinein kaum eingrenzbar ist, geht es daher vorwiegend darum, den kritischen Zeitpunkt, ab wann das Gesellschaftsleben völlig entgleist, hinauszuschieben. Die hier angestellten Betrachtungen beziehen sich daher auf den „Best Case“.

Auswirkungen eines Blackouts

Ein großräumiger Strom- und Infrastrukturausfall mit seinen weitreichenden Folgen ist für uns kaum vorstellbar. Viele Menschen haben bereits lokale/regionale Stromausfälle erlebt und schließen daraus, dass ein Blackout einfach etwas größer ausfällt, was jedoch ein weiterer gefährlicher Trugschluss ist. Denn bei einem Blackout wird auch zeitnah eine Kettenreaktion in den anderen Infrastruktursektoren ausgelöst. Beginnend im Telekommunikationssektor (Mobilfunk, Festnetz, Internet), womit die zwei wichtigsten Infrastrukturen unseres modernen Lebens betroffen sind und ausfallen. Das führt dann dazu, dass so gut wie alle anderen Infrastrukturen auch nur mehr eingeschränkt verfügbar sind, bzw. sogar ganz ausfallen. Beispielsweise das Finanzsystem (Bankomaten, Kassen, Geld- und Zahlungsverkehr), der Verkehr generelle und damit die gesamte Versorgungslogistik (fehlende Treibstoffversorgung, Datenverbindungen, etc.), bis hin zu regionalen Wasserver- und Abwasserentsorgungsausfällen. Ganz abgesehen von tausenden Menschen im Aufzügen oder im Winter auf Ski-Liften. Unser Alltag kommt sehr rasch völlig zum Erliegen.

Exponentielle Entwicklungen

Zu Beginn wird sich ein Blackout nicht großartig von einem gewöhnlichen lokalen Stromausfall unterscheiden, jedoch werden sich die Auswirkungen mit jeder Stunde, bildlich dargestellt, verdoppeln. Diese exponentiellen Entwicklungen werden massiv unterschätzt. Wer hier nicht die „Golden Hour“ nutzt, wird der negativen Lageentwicklung nicht mehr hinterherkommen, was nur funktionieren wird, wenn man sich im Vorfeld mit diesem Thema umfassend auseinandergesetzt und entsprechende Maßnahmen getroffen hat. Hierzu sind vor allem Offline-Pläne erforderlich, die auch ohne große Kommunikations- und Alarmierungsmaßnahmen anlaufen und funktionieren.

Zwei Phasen eines Blackouts

Ein Blackout hat zwei wesentliche Phasen:

Phase 1: Ein totaler bis weitgehender Strom- und Infrastrukturausfall, welcher je nach Region Stunden bis Tage dauern wird.

Phase 2: Die Stromversorgung funktioniert zumindest wieder in weiten Teilen, die anderen Infrastruktursektoren jedoch noch nicht oder nur eingeschränkt. Diese Phase kann je nach betroffener Infrastruktur Tage, Wochen und in Teilen sogar Monate (Ausfälle in der Tierhaltung) andauern. Die Phase 2 wird daher zu einer enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Belastungsprobe werden.

Mögliche Folgekrise Strommangellage

In der Schweiz geht man davon aus, dass es nach einem Blackout zu einer länger andauernden Strommangellage kommen könnte, wo rollierende Flächenabschaltungen notwendig wären, um eine halbwegs brauchbare Notversorgung aufrechterhalten zu können. Dabei werden auch die Probleme bei der Produktion und in der Logistik angesprochen, die zu erheblichen Einschränkungen und wirtschaftlichen Schäden führen würden. Man spricht hier von erwartbaren volkswirtschaftlichen Schäden von bis zu 100 Milliarden Franken. Ein Blackout/eine Strommangellage wird dabei als ein Ereignis eingestuft, das statistisch alle 30 Jahre auftreten kann und neben einer Pandemie zum wahrscheinlichsten und weitreichendsten Ereignis zählt, das die Schweiz in absehbarer Zukunft treffen kann (siehe „Bericht Katastrophen und Notlagen Schweiz – Technischer Risikobericht 2015“). Das letzte große, länderübergreifende Blackout ereignete sich 1976. Zudem sprechen wir hier nicht von nationalen Stromversorgungssystemen, sondern von einem europäischen Verbundsystem, dass nur im Ganzen funktioniert. Das heißt, das von der Schweiz erwartete Ereignis würde wahrscheinlich auch viele andere Länder betreffen. Daher verwundert es immer wieder, dass es kaum übergeordnete Risikobetrachtungen gibt, auch wenn die europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) anlässlich des Blackouts in der Türkei in ihrem Untersuchungsbericht festgehalten haben:

„A large electric power system is the most complex existing man-made machine. Although the common expectation of the public in the economically advanced countries is that the electric supply should never be interrupted, there is, unfortunately, no collapse-free power system.“

Weitreichende Abhängigkeiten sind selten bewusst!

Derzeit kann wohl niemand wirklich abschätzen, welche weitreichenden Folgen ein derartiges Ereignis auf unsere hoch synchronisierte Just-in-Time Logistik und Produktion sowie auf die generell sehr hohen wechselseitigen Abhängigkeiten haben wird. Viele Logistikprozesse sind transnational und kleinteilig organisiert, was für den Wiederanlauf enorme Herausforderungen schaffen wird. Man erinnere sich nur an den folgenschweren Streit zwischen VW und zwei kleinen Zulieferfirmen im Sommer 2016, wo es in Folge zu erheblichen Produktionsschwierigkeiten und -verzögerungen kam. Kaum auszudenken, was es bedeuten könnte, wen weite Teile der europäischen Produktion unplanmäßig zum Stillstand kommen und wieder hochgefahren werden müssen. Besonders schwerwiegend würde sich jedoch die sehr hohe Versorgungssicherheit in der Lebensmittel- und damit Grundversorgung der Bevölkerung auswirken. Wie Untersuchungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen, ist nur ein Bruchteil der Bevölkerung in der Lage, sich über mehrere Tage und ohne externe Unterstützung selbst ausreichend versorgen zu können (siehe etwa Studie „Ernährungsvorsorge in Österreich“). Auch das hat unmittelbare Auswirkungen auf Unternehmen und auf den Wiederanlauf nach einem solchen Ereignis. Wenn die Menschen mit sich selbst bzw. mit ihren Familienproblemen beschäftigt sind, werden sie keinen freien Kopf bzw. Ressourcen für anderes, wie etwa den Unternehmensaufgaben, haben.

Die persönliche Vorsorge ist das um und auf!

Diese gesellschaftlich sehr kritische Ausgangssituation würde sich jedoch durch einfache Maßnahmen deutlich verbessern lassen. Etwa durch eine umfassende Sicherheitskommunikation, die das bestehende Risiko offen kommuniziert und die Bevölkerung aktiv in die Krisenvorsorge durch die Mobilisierung der Eigenvorsorge einbindet. Bisherige Risikokommunikationsansätze erreichen jedoch zu wenige Menschen. Daher war der Aufruf des deutschen Bundesinnenministers zur persönlichen Vorsorge ein sehr wichtiger erster Schritt. Wir Menschen reagieren jedoch nicht auf einzelne Meldungen, sondern müssen immer wieder dazu angestoßen werden. Daher sind weitere Schritte und Maßnahmen zur Bewusstseinsschärfung erforderlich.

Unvorbereitete Bevölkerung = Mitarbeiter/eigenes Personal

Was leider in allen Organisationen – egal ob im Krisenmanagement, bei Blaulichtorganisationen oder in Unternehmen – massiv unterschätzt wird, ist das eigene Personal. Besser gesagt, die persönliche und familiäre (Nicht-)Vorsorge auf ein solches oder ähnliches Ereignis. Denn dadurch ist dieses Personal zwangsläufig nicht oder nur mehr sehr eingeschränkt für andere Aufgaben verfügbar. In Unternehmen kann damit etwa ein sicheres Herunterfahren, ein etwaiger Notbetrieb oder ein rasches Wiederhochfahren nach einem solchen Ereignis nicht erwartet werden. Und gerade dieser Aspekt könnte durch einfache Maßnahmen – Kommunikation – rasch und mit wenig Aufwand verbessert werden. Hier ziehen sich Verantwortliche gerne auf die Position zurück, dass man das nicht anordnen kann bzw. jeder selbst dafür verantwortlich ist. Damit befinden wir uns jedoch in einer Sackgasse.

Wie leider auch immer wieder zu beobachten ist, greift man lieber zu technischen Lösungen bzw. setzt man sich mit diesen auseinander, ohne den dazu notwendigen Faktor Mensch ausreichend mitzuberücksichtigen. Mit organisatorischen Überlegungen und Maßnahmen kann man jedoch weit mehr erreichen, als mit technischen Lösungen, wenngleich wieder beides erforderlich ist. Menschen sind in der Lage in Krisensituationen auch zu improvisieren, das sollte nicht vergessen bzw. unterschätzt werden, denn gerade auf das wird es im Fall des Falles ankommen.

Falsche und zu optimistische Erwartungen

Bei der Auseinandersetzung mit dem Szenario „Blackout“ ist leider auch häufig zu beobachten, dass das Szenario in seiner Tragweite deutlich unterschätzt bzw. die erwartete eigene Handlungsfähigkeit massiv überschätzt werden. Typische Kennzeichen von systemischen Risiken, die vor allem durch eine hochgradige Vernetzung und wechselseitigen Abhängigkeiten, Nicht-Linearen Entwicklungen und Rückkoppelungen sowie kleinen Ursachen, großen Wirkungen, bzw. möglichen Dominoeffekten gekennzeichnet sind. Ein derart weitreichendes Ereignis würde unsere moderne, stromabhängige Gesellschaft auf den Kopf stellen, nicht nur für Tage. Wir sollten daher mehr auf „schwache Signale“ achten. Die warnenden Hinweise werden lauter und deutlicher. Die Wahrscheinlichkeit lässt sich aufgrund der bisherigen sehr hohen Versorgungssicherheit nicht wirklich berechnen. Daher geht es im Wesentlichen um die Frage, ob wir auf ein solches Ereignis vorbereitet wären bzw. damit umgehen könnten. Aussagen wie „unwahrscheinlich“, „geringe Wahrscheinlichkeit“, etc. lassen sich nicht wirklich belegen, außer mit der Truthahn-Illusion.

Gesamtgesellschaftliche Herausforderung

Die Netzbetreiber bereiten sich auf den Tag X vor. Das ist wichtig und die Basis für eine rasche Wiederherstellung der Stromversorgung nach einem solchen Ereignis. Jedoch wird diese trotz allem Stunden bis Tage dauern, worauf der Rest der Gesellschaft und die anderen Infrastrukturbetreiber so gut wie nicht vorbereitet sind. Daher stellt ein mögliches Blackout für unsere moderne, stromabhängige Gesellschaft ein massiv unterschätztes Katastrophenszenario dar.

Was können nun Unternehmen tun?

Bereits 2007 hat die amerikanische Immobilienblase viele Fachexperten überrascht, noch viel mehr die weitreichenden Folgenkrisen, obwohl es bereits zuvor ausreichend Hinweise gab, die aber zu wenig ernst genommen wurden. So ähnlich verhält es sich leider heute mit unseren Infrastruktursystemen. So kommen etwa die Autoren einer Versicherungsstudie „Beyond Data Breaches: Global Interconnections of Cyber Risk” zum Schluss:[1]

“The way in which the complexity of interconnected risks is assessed is painfully similar to how financial risks were assessed prior to the 2008 crash … in the end, it was this very complexity which helped bring the system down.”

Der erste Schritt beginnt daher mit der Risikoakzeptanz, dass so etwas grundsätzlich möglich, ja eigentlich sogar sehr realistisch ist, auch wenn es dafür keine konkreten Zahlen gibt. Die hochgradige Abhängigkeit von der Stromversorgung und die sonstigen vielschichtigen Abhängigkeiten stehen heute wohl außer Streit. Daher sollte dieses Szenario in keiner Unternehmensrisikoanalyse fehlen. Dabei geht es jedoch nicht um das Szenario „Stromausfall“, das durchaus vorhanden ist, sondern um einen weitreichenden Strom- und Infrastrukturausfall, wie er in diesem Beitrag beschrieben wurde.

Praxistauglichkeit und Realitätscheck

Von Controllerseite her ist wahrscheinlich interessant, einmal die getroffenen Maßnahmen (USV, Notstromversorgung, BCM/BCP, etc.) auf Praxistauglichkeit zu hinterfragen. Denn auch hier zeigt sich leider immer wieder, dass oft mehr Schein als Sein vorhanden ist. So kam etwa 2014 die deutsche Studie „Neue Erkenntnisse zur Lagerfähigkeit von Brennstoffen für Netzersatzanlagen“ zum Schluss, dass der Treibstoff von Notstromeinrichtungen häufig kaputt ist und daher die Anlagen im Ernstfall nicht funktionieren würden. Hier werden Ausfallsraten von bis zu 60% (!) erwartet. Ein Zwischenfall landete bereits vor Gericht. Zum Glück machte sich das Problem bei einem Versicherungs-Datacenter während eines Notfalltests bemerkbar.  Andernfalls hätte das schlimm in die Hose bzw. ins Geld gehen können.

Vernetztes, systemisches Denken und Handeln

Um sich den tatsächlichen unternehmensinternen und -externen Herausforderungen und Risiken zu nähern, ist vor allem sehr viel Kommunikation mit und zwischen den MitarbeiterInnen erforderlich, die am besten wissen, wo der Schuh im Detail drücken könnte und welche Vorkehrungen oder auch Improvisationsmaßnahmen wirken könnten.

Der Umgang mit komplexen Herausforderungen erfordert grundsätzlich vernetztes, systemisches Denken und Handeln, nicht nur bei Krisensituationen. Oftmals setzt das jedoch einen Paradigmenwechsel voraus, wo wir derzeit in vielen Bereichen massive Reibungsverluste mit bisher erfolgreichem hierarchischem, linearen Denken beobachten können. Aber die Herausforderungen der Netzwerkgesellschaft und auch der erwartbaren und möglichen Verbundkatastrophen erfordern neue, komplementäre Denk- und Handlungsansätze, wo es noch kaum fertige Lösungen gibt. Schon gar nicht solche, die überall als „best practice“ einsetzbar wären, da jedes System/jedes Unternehmen seine Eigenheiten hat, die individuell zu betrachten und zu lösen sind und daher durchaus mit gewohnten Kennzahlen und sonstigen Steuerungsinstrumenten in Konflikt geraden können.

Kurzsichtige Überlegungen sind gefährlich

Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten werden auch vom Controlling zusätzliche Maßnahmen, wie Risikovorsorgen, hinterfragt bzw. abgelehnt, was sich jedoch längerfristig fatal auswirken könnte (siehe etwa „Wenn betriebswirtschaftliche Optimierungen systemgefährdend werden“). Daher sollte man hier nicht zu kurzsichtig agieren bzw. besonders darauf achten, dass mögliche Maßnahmen immer holistisch betrachtet und umgesetzt und vor allem der Faktor Mensch mitberücksichtigt werden.

Nichtsdestotrotz gibt es Basisüberlegungen, die bei jeder Risikobetrachtung/-erfassung weiterhelfen können. So wurden etwa vom Autor mehrere Leitfäden aus seiner langjährigen Erfahrungen und umfassenden Stakeholder-Prozessen zusammengefasst, welche auf seiner Homepage gemeinfrei abrufbar sind.

Mein Unternehmen auf ein Blackout vorbereiten

Natürlich stellt sich die Frage, welche Maßnahmen nun konkret getroffen werden können bzw. wo man anfangen soll. Ein guter Einstieg beginnt mit der Lageerfassung, wozu sich der Leitfaden „Mein Unternehmen auf ein Blackout vorbereiten“ und das Video „Schweiz im Dunkeln“ sehr gut eignet. Hier wird in wenigen Minuten sehr anschaulich vermittelt, worum es geht. Zeigen Sie dieses Video im Rahmen eines Workshops, wozu Sie Verantwortliche aus den unterschiedlichen Bereichen Ihres Unternehmens einladen und stellen Sie anschließend die Frage, was das für Ihr Unternehmen bedeuten könnte bzw. welche weiteren Schritte zur eigenen Lageerfassung erforderlich sind. Der Leitfaden wiederum adressiert verschiedene Fragestellungen, die Sie bei Ihren Überlegungen unterstützen können.

Sicher herunterfahren

Im Wesentlichen geht es um die Erfassung von Bereichen, wo in Folge eines Blackouts in Ihrem Unternehmen hohe Schäden und Kosten entstehen können. Dazu sind dann weitere Überlegungen erforderlich, wie diese minimiert werden können. Hier wird es vor allem um Notmaßnahmen und ein rasches Herunterfahren in einen sicheren Zustand gehen, wozu auch Offline-Pläne mit Handlungsanweisungen erforderlich sind. Hier werden Sie auch Ihr Personal benötigen, das dazu entsprechend sensibilisiert werden muss.

Versichern ist kein Thema

Überlegungen, das Risiko vielleicht an Versicherungen auszulagern, sollten kritisch hinterfragt werden, da diese in diesem Fall wahrscheinlich nicht zahlen werden (können). In jedem Fall sind Betriebsunterbrechungsversicherungen auf eine Leistungserbringung im Fall eines Blackouts zu hinterfragen.

Vorbereitung schafft Wettbewerbsvorteil

In der ersten Phase wird es auch Ihren Mitbewerbern ähnlich ergehen. Daher haben hier alle die gleichen Ausgangsbedingungen, was leider auch fallweise als Argument genommen wird, um nichts zu tun. Diejenigen, die sich aber vorbereiten, können hier bereits wesentliche Vorteile für das Wiederhochfahren schaffen, indem Schäden reduziert und daher ein rascher Wiederanlauf überhaupt erst möglich wird. Zum anderen sind konkrete Überlegungen und Vorbereitungen für das Wiederhochfahren sehr wichtig. Wie kann eine rasche und strukturierte Schadens- und Lagefeststellung erfolgen? Vor allem, welche Voraussetzungen sind erforderlich, damit ein Wiederhochfahren überhaupt Sinn macht bzw. möglich ist (stabile Stromversorgung, Verfügbarkeit von Zulieferern und Personal, etc.)? Welche Reihenfolge beim wieder in Betrieb nehmen ist wichtig? Gerade in dieser Phase wird Ihr Krisenmanagement besonders notwendig und gefordert sein, denn es geht auch um externe Abhängigkeiten, die sich auf Ihr Unternehmen negativ auswirken und die Sie kaum beeinflussen können. Und im schlimmsten Fall geht es auch um den Fortbestand Ihres Unternehmens, welcher durch schwere Schäden oder zu erwartende wirtschaftliche Verwerfungen in Frage gestellt werden könnte. Und vergessen Sie nicht, dass Sie auch von Ihren Geschäftspartnern und Infrastrukturbetreibern und deren Zustand abhängig sind! Reden Sie daher auch mit diesen bzw. binden Sie diese in Ihre Überlegungen ein. Vernetztes Denken und Handeln ist hier das Um und Auf und hört nicht an der Unternehmensgrenze auf!

Nur üben schützt vor bösen Überraschungen

Wie die Praxis leider immer wieder zeigt, können die besten Pläne und Vorsorgen wertlos sein, wenn man das Ganze nicht beübt hat, was natürlich nicht in vollem Umfang möglich sein wird. Aber wo immer das möglich ist, sollte das auch genutzt werden, um die Praxistauglichkeit zu verifizieren. Zum anderen zeigt sich gerade bei technischen Vorkehrungen, dass ein zu hohes Vertrauen oft nicht gerechtfertigt ist, schon gar nicht, wenn diese Einrichtungen nicht regelmäßig gewartet und getestet werden. Und zum Schluss nochmals der Hinweis auf Ihre wichtigste Ressource: Ihr Personal, mit dem jede Krisenbewältigung steht oder fällt. Bereiten Sie es daher entsprechen darauf vor!

Mittelfristige Lösungen

Die Energiewende ist derzeit vorwiegend eine Stromwende und da auch nur mit Fokus auf eine dezentrale Erzeugung, was deutlich zu kurz greift, damit die Energiewende gelingen kann. Gab es bis vor wenigen Jahren in Europa noch tausende Großkraftwerke, gibt es nunmehr bereits Millionen zusätzliche dezentrale Kleinkraftwerke. Das europäische Stromversorgungssystem wurde jedoch für einfach berechen- und steuerbare Großkraftwerke errichtet und auch sehr erfolgreich betrieben. Durch die Dezentralisierung und sehr volatile Erzeugung ist jedoch mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energieerzeugung ein fundamentaler Systemumbau zu einem ebenfalls dezentralisierten Systemdesign unumgänglich. Derzeitige Ansätze, wie der überregionale Netzausbau oder unter dem Stichwort „Smart Grid“, führen zu einer weiteren Steigerung der Komplexität- und Verwundbarkeit. Zudem lassen sich komplexe Systeme nicht zentral steuern. Von der Natur abgeschaut, machen daher nur dezentrale autonome Energiezellen Sinn, da damit auch unabhängig von möglichen Störereignissen (steigende Extremwetterlagen durch den Klimawandel, Cyber-Angriffe, Pandemie, oder was auch immer) die Robustheit des Systems deutlich erhöht werden kann.

Energiezellensystem

Hier ist natürlich ein weitreichender Paradigmenwechsel erforderlich, da dieser Ansatz nicht so effizient und kostengünstig wie ein Großsystem ist, zumindest, solange keine Großstörung auftritt. Fehlende Energie oder eine Großstörung, wie sie in diesem Beitrag dargestellt wurde, kann jedoch durch nichts in der Welt und schon gar nicht durch Geld ersetzt werden. Daher wird spätestens nach dem ersten Blackout kein Weg mehr an einem zellulären System vorbeiführen. Genau genommen gab es ein solches bereits vor der Marktliberalisierung, nur eben auf Großkraftwerke abgestimmt. Mit der Marktliberalisierung (Stichwort: Energy-Only-Market) wurden diese an physikalischen Rahmenbedingungen ausgerichteten Zellen jedoch aufgelöst. Fehlende Physikkenntnisse bzw. die Ignoranz dieser sind daher auch ein wesentlicher Treiber für die steigenden Instabilitäten bzw. Blackout-Gefahr.

Der besondere Vorteil des Energiezellenansatzes ist, dass er störungsfrei in das bestehende zentralisierte System integriert werden und so sukzessive zur Erhöhung der Robustheit des Gesamtsystems beitragen kann (siehe etwa auch das US-Projekt Smart Power Infrastructure Demonstration for Energy Reliability and Security (SPIDERS)). Wir werden noch auf absehbare Zeit auch das zentralisiert Großsystem für Großverbraucher (Industriegebiete, urbane Räume) benötigen, aber mit einem Sowohl-Als-Auch können wir bereits heute mit dem Umbau beginnen. Derzeit gibt es dazu auch noch rechtliche Hürden, die aber in Unternehmen oft leichter zu bewältigen sind, als etwa in Ortschaften oder Regionen. Es geht dabei um die Netznutzung, die sehr stark eingegrenzt und auf das bisherige großtechnische System ausgerichtet ist. Wenn ein Unternehmen jedoch bereits ein unternehmenseignes Stromnetz betreibt, dann kann mit komplementären Erzeugungsanlagen (eigenen Kraftwerken, PV-Anlagen, Notstromeinrichtungen) und Speicherlösungen eine Energiezelle und damit auch eine intelligente Notstromversorgung eingerichtet werden. Damit könnte etwa auch das sichere Herunterfahren oder wenn notwendig, ein Notbetrieb bei Stromausfall sichergestellt werden. Dabei geht es gar nicht nur um das Szenario „Blackout“. Diese Lösung kann etwa durch die Puffermöglichkeiten auch zu einem sicheren Betrieb bei Extremwetterlagen beitragen, oder bei den derzeit steigenden Mikroversorgungsunterbrechungen, die vor allem in der produzierenden Industrie enorme Schäden verursachen. Ganz abgesehen davon, dass mit den derzeit sowieso notwendigen Energieeffizienzmaßnahmen auch sinnvolle Synergien genutzt und damit auch der eigene Energieverbrauch bzw. die Kosten optimiert werden können und damit nebenbei auch noch die Robustheit des eigenen Unternehmens erhöht wird. Auch hier zeigt sich, dass vernetztes Denken und Handeln sich bezahlt macht.

Kat-Leuchttürme

Es gibt mittlerweile auch konkrete Überlegungen für die Errichtung von einfachen kommunalen (Not-)Energiezellen, mit denen im Fall von länger andauernden Stromausfällen lokale Katastrophen-Leuchttürme für und durch die Bevölkerung eingerichtet werden können. Auch das kann für größere produzierende Unternehmen eine sinnvolle Überlegung sein, um sich etwa innerbetrieblich bei eingeschränkten technischen Kommunikationsmöglichkeiten besser organisieren zu können.

Risiko bedeutet auch Chancen

Wie diese Beispiele zeigen, gibt es hier trotz der möglicherweise deprimierenden Aussichten durchaus auch Möglichkeiten und Chancen für eine positive Zukunftsgestaltung, womit auch unterstrichen werden soll, dass Risiko auch immer Chance bedeutet und wir sie nur nützen müssen. Auch für Unternehmen ergeben sich dadurch neue Möglichkeiten. Einzige Voraussetzung ist eine langfristige Planung und Ausrichtung, was eine wesentliche Voraussetzung für lebensfähige Systeme und universal anwendbar ist. Quick-and-Dirty-Lösungen können zwar meist schnell angewandt werden und liefern auch kurzfristige Erfolge, aber verschlimmern in der Regel das eigentliche Problem langfristig, während fundamentale Lösungen kurzfristig oft deutliche Nachteile bringen und sich erst langfristig als vorteilhaft herausstellen. Hier kennt wohl jeder genügend aktuelle Beispiele. Daher gilt hier wohl einmal mehr frei nach Albert Einstein: Man kann die Probleme nicht mit derselben Denkweise lösen, mit der sie entstanden sind.

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