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Die Schweiz wappnet sich gegen Terroranschlag mit einer schmutzigen Bombe

 

Quelle: www.nzz.ch

Die Explosion einer mit radioaktivem Material verseuchten Bombe in einer Grossstadt würde wirtschaftliche Schäden von rund 13 Milliarden Franken verursachen.

Es ist ein Albtraum-Szenario für Regierungen und Sicherheitskräfte westlicher Länder: Terroristen verstrahlen mit radiologischen Bomben, auch «dirty bombs» genannt, das Zentrum einer Grossstadt. Dabei handelt es sich nicht um einen atomaren Sprengsatz. Stattdessen verbreitet die Explosion herkömmlichen Sprengstoffs eine strahlende Substanz in der Atmosphäre. Ein solch radiologischer Terrorakt hat bisher glücklicherweise noch nie stattgefunden. Dennoch habe dieses Szenario für die Schweiz eine relativ hohe Priorität, erklärt Mario Burger, Chef Fachbereich Physik am Labor Spiez. Der Experte des Bundesamts für Bevölkerungsschutz befasst sich intensiv mit den Gefahren, die von atomaren, biologischen und chemischen Substanzen ausgehen.

Mit welchen Herausforderungen sich die Behörden dabei konfrontiert sehen könnten, hat das Labor Spiez in einem Referenzszenario erarbeitet. In der Risikobewertung beurteilt der Bund die Plausibilität als mittelhoch, das Schadensausmass als gross und das Risiko als mittelgross. An einem Freitagnachmittag um 17 Uhr 30 – so die Annahme – explodiert im Rucksack eines Terroristen vor dem Hauptbahnhof einer Schweizer Grossstadt eine schmutzige Bombe. Sie enthält 10 Terabecquerel Cäsium-137 in Form eines salzähnlichen Pulvers und 5 Kilogramm konventionellen Sprengstoff. Das radioaktive Cäsium-137 wird pulverisiert und durch den Abendwind in die Umwelt verstreut. Über die Lunge nehmen die Menschen in der Umgebung das nukleare Material auf.

Gemäss dem Szenario sind 30 Todesopfer zu beklagen, die jedoch alleine auf die Wirkung der konventionellen Detonation zurückzuführen sind. 55 Personen werden schwer verletzt oder erkranken schwer, 100 Personen mittelschwer und 1000 leicht. Die Anwohner, Rettungskräfte und Passanten nehmen aber keine Strahlendosis auf, die zu einer akuten Strahlenerkrankung oder zum Tod führen könnte. «Wenn sie ihre Kleider wechseln, sollten 95 Prozent der Strahlenbelastung verschwunden sein. Wenn man danach noch gründlich duscht, sollte in dieser Hinsicht alles okay sein», führt Burger aus.

«Das verheerende Potenzial einer radiologischen Bombe liegt nicht in ihrer direkten Zerstörungswirkung, sondern in den wirtschaftlichen Schäden. Dazu kommt die psychologische Wirkung auf die Bevölkerung, die das Vertrauen in die Behörden verliert», sagt der Experte. Die Propagandawirkung stand auch beim einzigen Fall im Vordergrund, bei dem Terroristen eine schmutzige Bombe ins Spiel brachten – glücklicherweise nicht mit der Absicht, sie zur Detonation zu bringen. Im November 1995 deponierten tschetschenische Aktivisten im Moskauer Ismailow-Park einen Bleibehälter mit Cäsium-137 und einer Ladung Dynamit – und informierten dann ein Fernsehteam.

Beim angenommenen Szenario in der Schweiz müssen Gebäude und Strassen dekontaminiert werden, die sich zwischen 2 und 6 Kilometern in Abwindrichtung des Ortes der Detonation befinden. Notfallstationen der Spitäler, die Verletzte der Explosion aufgenommen haben, müssen saniert werden. Anwohner im direkten Umfeld werden evakuiert, es kommt zu Demonstrationen empörter Bürger. Liegenschaften verlieren massiv an Wert, auch der Tourismus ist schwer getroffen. Die Kosten für die Bewältigung der Folgen und die Vermögensschäden schätzt das Labor Spiez auf 5 Milliarden Franken, die Verminderung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auf 8 Milliarden Franken.

Kommentar

Vor 20 Jahren habe ich mich im Rahmen meiner Abschlussarbeit an der Theresianischen Militärakademie mit dem Thema “Superterrorismus/Bedrohung mit ABC-Kampfmittel” befasst. Damals war das ein völliges Nischenthema und hat kaum jemanden interessiert. Das hat sich nach 2001 (9/11) deutlich geändert. In der Regel abseits der öffentlichen Wahrnehmung.

Trotz der lokal sehr begrenzten Primärwirkung eines solchen Szenarios würde dieses zu weitreichenden Aus- und Folgewirkungen (kleine Ursache, große Wirkung) führen. Daher geht hier das größere Schadenspotential wiederum von uns selbst aus, indem wir wider besserem Wissens überreagieren und damit die Sache deutlich verschlimmern würden. Wobei das Wissen nicht Allgemeingut, sondern weitgehend Experten vorbehalten ist. Wenn man das dann erst in der Krise kommuniziert, wird es bei den Menschen nicht mehr ankommen, da das Vertrauen bereits zerstört ist bzw. durch mediale Aufschaukelungen eine rationale Auseinandersetzung nicht mehr möglich ist. Das weist wiederum auf die erforderliche Sicherheitskommunikation und Auseinandersetzung bereits vor einem möglichen Ereignis hin. Aber das scheint noch deutlich unrealistischer, als beim Szenario Blackout. Wobei die Sicherheitskommunikation eben nicht anlassbezogen sondern generell zu führen und implementieren wäre.

Hier ein paar Auszüge aus meiner damaligen Arbeit:

Strahlenterrorismus

Eine Atombombe tatsächlich zu erzeugen, bleibt derzeit wohl nur den absoluten Spezialisten vorbehalten  und erfordert hohen Aufwand an Know How sowie finanzielle Mittel. Aber um eine mittlere Stadt zu vergiften und zu verstrahlen bedarf es nur an zwei Dingen – ein wenig Hintergrundwissen, welches man sich im Rahmen eines Studiums bzw. aus der offenen Literatur oder aus dem Internet verschaffen kann und anderseits 25 kg an angereichertem Uran [Anmerkung 2017: Es erfordert wohl keine 25 kg Uran]. Diese Menge reicht aus, um das Zentrum einer Stadt mit radioaktivem Staub zu verstrahlen. Daß ein solcher Anschlag mit einer extremen Panikreaktion der Bevölkerung verbunden ist, braucht wohl hier nicht näher angeführt werden.

[…]

Resümee

Die Hauptwirkung des Strahlenterrorismus liegt wohl in der psychischen Komponente. Durch die umfassende Sensibilisierung der Bevölkerung gegen Kernkraft und Atomwaffen, aber auch durch fehlende Objektivität über das wirkliche Gefahrenpotential, haben Terroristen damit sicher gute Erfolgschancen. Es reicht sicher aus, wenn nur gedroht wird – der richtigen Zeitung zugespielt und man hat den Wirbel perfekt. Man kann der Bedrohung nur durch intensive Aufklärungsarbeit begegnen, jedoch muß man dabei darauf achten, daß man keine Lehrbehelfe bzw. Anreize für Terroristen erstellt.

Die augenblickliche Wirkung bleibt meistens aus, es kommt zu keinen unmittelbaren Todesfällen. Die Gefahr besteht erst nach ein paar Tagen, für Personen die der Strahlenquelle über eine längere Zeit intensiv ausgesetzt wurden. Andererseits werden damit langfristige und oft irreversible Folgen herbeigeführt.

Hier müßten die Terroristen aber von ihrer grundsätzlichen Taktik abweichen, denn ihr Anschlag kann nicht unmittelbar veröffentlicht werden, da dadurch der Erfolg gefährdet würde – man muß die Zielpersonen länger der Strahlungsquelle aussetzen, daher muß die Aktion vorerst geheim bleiben.

Die weit aus größere Bedrohung besteht wohl in den Folgekosten eines solchen Anschlages. Wird die Gefahr rechtzeitig erkannt, so kann man davon ausgehen, daß nur wenige Gesundheitsschäden die Folgen sein werde. Aber eine solches Material mit herkömmlichen Sprengstoff in einem Gebäude bzw. im Freien gezündet oder  in eine Belüftungsanlage eingebracht würde gewaltige Kosten verursachen. Man müßte den betroffenen Bereich evakuieren und das Gebiet wieder dekontaminieren. Als Hauptziele kommen hier vor allem Räume mit großen Menschenansammlungen und auch Nervenzentren der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens in Frage. Als praktisches Beispiel sei hier wieder einmal TOKIO erwähnt, wobei dieser Fall im Vergleich zu einem Einsatz mit radioaktivem Material als harmlos zu bezeichnen ist.

Man stelle sich den Aufwand vor, all jene Menschen wirklich zu dekontaminieren und dann medizinisch zu versorgen. Zuerst wird man die Verbreitung gar nicht verhindern können, speziell wenn es sich um einen vorerst verdeckten Einsatz handelt. In weiterer Folge müßte man den gesamten Komplex, das Nervenzentrum verlegen, ein Ausweichquartier schaffen, da ja das Leben weitergehen muß. Man bedenke auch, welche Probleme bei uns auftreten würden, wenn ein Gebiet evakuiert werden müßte – die Leute wollen nicht weg gehen, wie sich auch Sicherungseinsatz 1991 an der Südgrenze gezeigt hat, anderseits sind wir auch nicht in der Lage eine größere Evakuierung in kürzester Zeit durchzuführen. Man muß hier sicher auch noch speziell die Jahreszeit und die Wetterlage mit einbeziehen.

Die wirtschaftlichen Schäden wären enorm. Die Dekontamination würde uns vor weitere gewaltige Probleme stellen. Im freiem Gelände kann man ja das Gebiet für eine Zeitlang sperren, aber man stelle sich hier als Beispiel eine Verstrahlung und Vergiftung des Stefansplatzes vor – die Auswirkungen auf den Fremdenverkehr, usw. Um hier unser gefährdetstes Anschlagsziel nicht zu vergessen – die U-Bahn.

Wie sie sicher schon bemerkt haben oder in weiterer Folge noch bemerken werden, ist die U-Bahn wohl eines der attraktivsten bzw. verwundbarsten Ziele für den Superterrorismus. Das es bis jetzt nur einen Anlaßfall gegeben hat, muß man als Glück bezeichnen. Die U-Bahn bietet dermaßen Vorteile für denn Einsatz von Massenvernichtungswaffen, daß man sich normal nicht mehr damit fahren trauen sollte. Große Menschenmaßen, günstige ungestörte Verbreitungsmöglichkeiten über weite Gebiete durch das geschlossene System, der wichtigste Verkehrsträger einer modernen Stadt, usw.

Bei dem Umgang mit radioaktivem Material ergibt sich grundsätzlich ein Risikofaktor von 5.10-5/mSv! d.h. nur 1 Krebsfall pro 20.000 Personen.  Für die Exekutive ergibt sich daher folgende Problematik: Wann und welcher Schutz soll bei Einsätzen bzw. bei Zugriffen verwendet werden? Hier kann wohl keine generelle Antwort gegeben werden. Grundsätzlich sollte man bei der Sicherstellung von verdächtigem Material einen Inhalationsschutz anstreben, in wie weit dies in der Praxis durchführbar ist, kann hier nicht beantwortet werden. Dies wird auch bei der überwiegenden Zahl der Fälle nicht erforderlich sein. Eine Ausnahme bildet ein Brand, wo man mit einer aerosolförmigen Freisetzung von radioaktiven Materialien rechnen muß. Ansonsten sollte bei der Durchführung der ersten Maßnahmen ein Kontaminationsschutz (Kleidung, Handschuhe) ausreichen.

Grundsätzlich kann ich mich auch dieser Fachmeinung anschließen, jedoch gebe ich zu bedenken, daß man in den meisten Fällen nicht weiß, um welche Substanz und um welche Dosis es sich handelt. Außerdem hängt das (Krebs)Risiko von einer Vielzahl von Faktoren ab. Die inkorporierte  Strahlung weist zudem eine tausend- bis millionenfache Wirkung auf. Besonders die Lunge und der Magen-Darm-Trakt reagieren empfindlich auf diese innere Bestrahlung, daher sollte man die Zahl 1:20.000 nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Lieber einmal zu oft geschützt, als einmal zu wenig! Laut Aussage eines beim Zugriff in MÜNCHEN eingesetzten Sicherheitsbeamten, habe er von den Ärzten die Mitteilung bekommen, „daß er in seinem Leben nicht mehr Röntgen gehen sollte“.

Dies sollte auch ein Warnhinweis für unsere Sicherheitsorgane sein, den diesbezüglichen Eigenschutz anzuwenden. So weit es die Lage und der Einsatz zuläßt, sollte man den „worst case“ annehmen und präventiv zu Strahlenmeßgeräten und Schutzanzügen greifen. Die EBT bekommt zwar eine gute Ausbildung im FZS, jedoch verfügen die Sicherheitsorgane bis jetzt nicht einmal über ein Dosimeter (Standardausrüstung  jedes Röntgenassistenten bzw. Arztes). Manche  Beamte dürften auch die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen auf die leichte Schulter nehmen, darf man den Ausführungen einiger Kollegen glauben.

Diese Schutzmaßnahmen sollte man auch dahingehend ins Auge fassen, da grundsätzlich mit einer qualitativen Steigerung des Nuklearmaterials zu rechen ist, was wiederum auch eine Steigerung des Gefahrenpotentials, in jeder Hinsicht, nach sich zieht !

Die bisherigen beschlagnahmten Materialien fand man meistens in Pulverform oder gepreßt in Pellets vor. Gerade in der Pulverform steckt die Gefahr. Atmet man nämlich radioaktiven Staub ein, so tritt eine mehrfache Wirkung (tausend- bis millionenfache innere Wirkung) auf. Besonders die ansonst relativ harmlosen Alpha– aber auch Beta-Strahler erweisen sich nach Inkorporation als besonders gefährlich. Die Gamma-Strahler sind durch ihr großes Durchdringvermögen bei Inkorporation wesentlich harmloser.

Alpha– aber auch Beta-Strahler werden im Körper eingelagert, was wiederum zu einer intensiven Nahbestrahlung der umliegenden Zellen führt. Dies kann so zu Lungenkrebs und anderen Krebsarten führen. Durch mangelhafte Hygiene kann es zusätzlich zu einer Aufnahme in den Magen-Darm-Trakt kommen, auch die Darmschleimhäute reagieren sehr empfindlich auf die innere Bestrahlung.

Eine weitere Gefahr besteht in der Toxizität der Stoffe, welche je nach Menge ebenfalls zur Vergiftung und schweren Folgeschäden führen kann (siehe auch abgereichertes Uran).

Es kommt hier primär zu einer Schwermetallvergiftung.

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