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Was ist die Krise und wer sind wir danach?

 

Quelle: www.forum-wirtschaftsethik.de

Dieser Artikel basiert auf einem gleichnamigen Vortrag, den ich zusammen mit meinem agora42-Mitstreiter Frank Augustin bei der Fachtagung des Instituts der Wirtschaftsprüfer gehalten haben. Wir schilderten dort, warum wir glauben, dass sich unsere Gesellschaft am Ende einer Epoche befindet – und damit auch am Beginn einer neuen.

Immer klarer tritt zutage, dass wir uns am Ende einer Epoche befinden. Einer Epoche, die getragen war von dem Glauben daran, dass durch technischen Fortschritt (mithin dem Fortschritt der Wissenschaften, der Vernunft) wirtschaftliches Wachstum geschaffen werden kann und dass dieses Wachstum zu steigendem materiellen Wohlstand wie auch zu einem insgesamt freieren, besseren Leben für alle führt. Stichworte: Vormarsch der Demokratien, Rechtsstaatlichkeit, freie Medien etc.

Inzwischen treten jedoch die Schattenseiten des technischen Fortschritts und des wirtschaftlichen Wachstums deutlich zutage (Stichworte: Erderwärmung, Umweltzerstörung, Ungleichverteilung, Zunahme psychischer Krankheiten). Zudem ist überhaupt nicht mehr so klar wie früher, was Wohlstand meint. Bedeutete er lange Zeit ein Mehr an materiellen Gütern (und gleichzeitig auch immer bessere Güter), so treten inzwischen andere Faktoren in den Vordergrund: beispielsweise mehr Zeit zu haben, weniger abhängig zu sein, saubere Luft, saubere Böden, sauberes Wasser etc.

So kann der erste Teil der Frage „Was ist die Krise und wer sind wir danach?“ ganz einfach beantwortet werden: Die Krise ist eine Orientierungskrise. Sie ist also nicht bloß eine Wirtschafts- oder Demokratiekrise, sondern eine Krise, die unser Weltbild betrifft. Dies wollen wir anhand von sieben Entwicklungen beziehungsweise Phänomenen illustrieren.

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Szenario 1: Es geht alles weiter wie bisher

Die zuvor beschriebenen Entwicklungen sind bekannt. Zahlreiche Experten haben in Studien, Konferenzen und öffentlichen Aufrufen auf die Gefahren hingewiesen, die mit ihnen jeweils verbunden sind. Allein, ein entschlossenes Umlenken beziehungsweise eine Politik, die diesen Entwicklungen Rechnung trägt, ist nirgendwo zu beobachten. Insofern ist die plausibelste aller Annahmen die, dass es weitergeht wie bisher.

Was bedeutet das konkret? In nicht all zu ferner Zukunft wird die erste Bombe platzen (siehe Punkte 1 bis 7), die dann eine Kettenreaktion auslösen wird (Dominoeffekt). Globale Lieferketten werden zusammenbrechen. Arbeitslosigkeit wird zur Normalität – genau wie Naturkatastrophen und gewaltige Flüchtlingsströme. Versicherungen gehen pleite. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft zerfällt. Bürgerkriege und Kriege zwischen Staaten brechen aus.

Szenario 2: Erlösung durch die Matrix oder: Gegen die menschliche Unvernunft!

Der Digitalisierung wird oft eine „game-changing“ Fähigkeit zugeschrieben. Nehmen wir die Digitalisierung also ernst und gestehen ihr zu, den Lauf der Dinge ändern zu können. Es wäre also durchaus vorstellbar, dass wir den Algorithmen die Macht übertragen, damit sie dafür sorgen, dass wir nicht über unsere Verhältnisse leben, dass die Erderwärmung die Grenze von zwei Grad Celsius nicht übersteigt, dass soziale Missstände behoben werden. Kurz: Die Algorithmen werden dafür sorgen, dass alles vernünftig zugeht, dass Ruhe und Sicherheit herrschen und wir Aussicht auf eine halbwegs humane Zukunft haben.

Das bedeutet jedoch auch, dass wir einen Teil unserer Selbstbestimmung abgeben müssen, dass viele Freiheiten wegfallen. Aber letztlich wäre das nur konsequent – sofern wir nicht begreifen, dass mit Freiheit auch immer Verantwortung verbunden ist.

Szenario 3: Eine gemeinsame Zukunft

Die beiden geschilderten Szenarien erscheinen aus heutiger Sicht plausibel. Aber will man psychisch gesund bleiben und nicht zum Zyniker werden, sollte unser Zukunftsentwurf anders aussehen. Bei aller Schelte des Ökonomischen hilft ein ökonomischer Blick auf die Situation, also eine Analyse des Angebots und der Nachfrage, um zu erkennen, dass eine ganz andere Zukunft möglich ist. Diese Analyse offenbart eine riesige, bisher nicht einmal in den Ansätzen befriedigte Nachfrage nach Sinn. Klar, wenn die plausibelste Annahme die kollektive Katastrophe ist, welchen Sinn soll man dem eigenen Leben dann schon geben können? Zwar mag man meinen, dass dieser Nachfrage bereits einiges an Sinn-Angeboten gegenübersteht – man denke nur an das Konzept des grünen Wachstums, an ein Erstarken der Zivilgesellschaft, an esoterische Möglichkeiten der Selbsterfahrung. Aber all diese Angebote sind gewissermaßen zahnlose Tiger, weil sie suggerieren, dass es prinzipiell so weitergehen könne wie bisher. Dies ist erstaunlich, denn wie in Szenario 1 gesagt: Das „Weiter so“ ist keine Option. Was dann?

Aus der Trauerarbeit ist bekannt, welche Phasen Patienten durchmachen, deren Krankheit unausweichlich zum Tode führt: Wut, Leugnen, Feilschen, Depression und schließlich Akzeptanz. Akzeptieren wir also, dass das Weltbild, das uns jahrzehntelang Orientierung gegeben hat, uns diese nicht mehr bieten kann. Anstatt am Alten festzuhalten, sollten wir sehen, dass wir materielle Wohlstandsverluste durch eine höhere Qualität des Zusammenlebens überkompensieren können: mehr Zeit, mehr Ruhe, Freundschaft, Arbeit am Menschen, gemeinsame Organisation des Zusammenlebens etc. Erkennen wir, dass wir die neue Welt nur gemeinsam erschaffen können. Konzepte, was getan werden müsste und könnte, gibt es zuhauf. Diese beinhalten beispielsweise eine Besteuerung des Naturverbrauchs, die Harmonisierung der Steuern und Sozialstandards (zumindest in der EU), die Nutzung von Wasser, Saatgut, Computercodes und vielem mehr als Commons, eine Revolution der Bildungs- und Ausbildungssysteme, die Regulierung der Finanzmärkte und die Wiederentdeckung dessen, was in der Antike unter dem Konzept der Vita activa verstanden wurde: also die Wiederentdeckung des tätigen Lebens im Sinne der politischen Gestaltung unserer Lebenspraxis mit dem Ziel, ein gutes Leben zu führen.

Manches davon mag noch fern oder abstrakt erscheinen. Aber sobald man beginnt, sich für die Umsetzung solcher Konzepte zu engagieren, die über einen selbst hinausweisen, wird sich der Sinn, die Erfüllung im Leben automatisch einstellen.

Die letzte Frage mag nun lauten: Woher rührt die Hoffnung, dass das klappen kann? Und ich verrate Ihnen gerne, dass sich diese Hoffnung letztlich aus der sehr persönlichen Erfahrung des agora42-Projektes speist. Die agora42 ist nur möglich, weil sie von Menschen getragen wird, die der Ansporn eint, etwas zu schaffen, was über einen selbst hinausweist und so eine Ahnung von einer anderen Welt vermittelt – einer Welt jenseits der Krise.

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Kommentar

Eine sehr gute Analyse über die Transformation zur Netzwerkgesellschaft mit weiteren Blickwinkeln.

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