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Blackout: Was passiert, wenn der Strom ausfällt?

 

Quelle: www.weltderwunder.de

Es dauert genau 17,7 Sekunden, um Mittel- und Westeuropa lahmzulegen. Von der Nordsee bis ans Mittelmeer gehen um Punkt 22.10 Uhr die Lichter aus. Blackout. Dunkelheit auf den Straßen, Fahrstühle und U-Bahnen bleiben stecken, kein Telefon funktioniert mehr. Auf den Monitoren in den Kraftwerks-Lagezentren blinkt Code Red: Das Netz ist tot. Zwar nur gebietsweise und nicht flächendeckend, aber dennoch sind insgesamt etwa 15 Millionen Haushalte ohne Strom.

Im europäischen Maßstab ist dieser Ausfall im Stromnetz mit einem Schnitt in den Finger vergleichbar – eigentlich. Trotzdem kommt es zum Kreislaufkollaps.

Neue Studien zeigen: Die Zivilisation, wie wir sie kennen, ist weit zerbrechlicher, als die meisten denken …

Genau 50-mal pro Sekunde müssen die Elektronen in den Leitungen ihre Richtung ändern, sonst drohen schwerste Schäden an der Infrastruktur. Im übertragenen Sinn muss also der Druck in den Leitungen immer gleich sein, egal, ob die Windparks im Norden wegen eines Hochdruckgebiets gerade keinen Strom produzieren und gleichzeitig Millionen Verbraucher im Süden ihre Klimaanlage anschalten. „Das Stromnetz ist das System der Systeme: Jeder einzelne von uns hängt 24 Stunden am Tag von ihm ab“, erklärt Elsberg. „Ohne Strom stürzt eine Gesellschaft zurück ins Mittelalter.“

Atomkraftwerke sind das schwächste Glied in der Kette

Längst haben Algorithmen die Herrschaft über das sogenannte Synchronous Grid of Continental Europe übernommen, das mit rund 700 Gigawatt Leistung größte einheitlich getaktete Netz der Erde. In Bruchteilen von Sekunden kann eine Software vollautomatisch ganze Kraftwerke über 24 Länder hinweg von Bulgarien bis nach Portugal abschalten – teilweise mit verheerenden Folgen: Fast 100 Atomkraftwerke stehen in Europa, bei einem Blackout sind sie das schwächste Glied in der Kette: Nur ein einziger unkontrollierter Störfall könnte den Kontinent über die Ländergrenzen hinweg in den Abgrund reißen und wäre schlimmer als Fukushima und Tschernobyl zusammen.

In einem länderübergreifenden Stresstest der EU wiesen fast alle Atomkraftwerke Sicherheitsmängel auf: Zwar stehen Notstromaggregate zum Kühlen der Brennstäbe mit Treibstoff für mehrere Monate zur Verfügung, doch es ist fraglich, ob das Umschalten der hochkomplexen Systeme wirklich in allen Fällen funktioniert. In zwei skandinavischen Atomkraftwerken haben die Betreiber dafür weniger als eine Stunde Zeit, in einem Fall sogar nur 35 Minuten.

Bislang gibt es erst einen Beweis, dass ein Blackout eine westliche Zivilgesellschaft tatsächlich in bürgerkriegsähnliche Zustände katapultieren kann: Als im August 2005 Hurrikan „Katrina“ über die Südstaaten der USA hereinbricht, löst er eine Katastrophe aus, deren einzelne Facetten hier nicht alle Platz haben. Fakt ist: Zehntausende Menschen werden obdachlos, mehr als eine Million sind ohne Strom.  In den Hospitälern geht den Notstromaggregaten nach 48 Stunden die vorgeschriebene Treibstoffreserve aus: Beatmungsmaschinen schalten sich ab, lebenswichtige Medikamente gehen zur Neige. Ärzten bleibt nur noch, ihren Patienten Sterbehilfe zu leisten. Unruhen brechen aus. Nach drei Tagen erhalten Polizisten das Recht, wie in einem Krieg Plünderer zu erschießen – was sie auch tun.

Auch Deutschland ist längst nicht so sicher, wie viele vielleicht meinen. Schon eine lokale Störung reicht, um die Nation insgesamt an ihre Belastungsgrenze zu bringen. Als im Münsterland 2005 heftige Schneefälle 50 Hochspannungsmasten abknicken, bleibt eine Viertelmillion Menschen teilweise fünf Tage lang ohne Strom. Das Katastrophengebiet ist relativ klein, aus ganz Deutschland strömt Hilfe herbei – das verhindert das Ausbrechen von Unruhen. Doch in Wahrheit erreicht der Katastrophenschutz in diesen Tagen seine Maximalkapazität: Es gelingt nur mühsam, eine Notversorgung der Bevölkerung sicherzustellen, obwohl Feuerwehren und das Technische Hilfswerk so gut wie alle bundesweit verfügbaren Notstromaggregate herankarren. Wohlgemerkt: Von diesem Blackout sind insgesamt gerade einmal 250.000 Menschen betroffen, also 0,3 Prozent der deutschen Bevölkerung.

Ein Berliner hat im Schnitt Lebensmittel für vier Tage vorrätig, ergab eine Studie der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht. Nur 17 Prozent der Bevölkerung können sich länger als fünf Tage ernähren. Bislang geht man davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit eines Total-Blackouts gering ist – doch stimmt das wirklich? „Die Netze sind die Achillesferse der Versorgung“, sagt der Berliner Stromexperte Thomas Leitert. „Mit einer gezielten Sabotageaktion an nur drei Stellen rund um Berlin könnte man die gesamte Hauptstadt von der Versorgung abschneiden.“ Anschließend wäre das ganze System so instabil, dass sich in einer Kettenreaktion immer mehr Leitungen abschalten. Das könnte sich bundesweit oder sogar in ganz Europa zu einem Super-GAU ausweiten.

Es kann Wochen dauern, bis wieder Normalität herrscht

„Ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu verhindern. Trotzdem ist ein diesbezügliches gesellschaftliches Ausfallbewusstsein nur in Ansätzen vorhanden“, so die Autoren. Gerade Großstädte sind gefährdet, da in den tendenziell kleineren Wohnungen Platz zum Lagern fehlt. Ein Berliner hat im Schnitt Lebensmittel für vier Tage vorrätig, ergab eine Studie der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht. Nur 17 Prozent der Bevölkerung können sich länger als fünf Tage ernähren. Bislang geht man davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit eines Total-Blackouts gering ist – doch stimmt das wirklich? „Die Netze sind die Achillesferse der Versorgung“, sagt der Berliner Stromexperte Thomas Leitert. „Mit einer gezielten Sabotageaktion an nur drei Stellen rund um Berlin könnte man die gesamte Hauptstadt von der Versorgung abschneiden.“ Anschließend wäre das ganze System so instabil, dass sich in einer Kettenreaktion immer mehr Leitungen abschalten. Das könnte sich bundesweit oder sogar in ganz Europa zu einem Super-GAU ausweiten.

Es kann Wochen dauern, bis wieder Normalität herrscht

„Und wenn erst einmal alles zusammengebrochen ist, kann es Wochen dauern, bis wieder Normalität herrscht“, erklärt Leitert – wenn das überhaupt noch zu schaffen ist. Das ist nur die Situation heute. Denn das größte Problem steht uns erst noch bevor: Denn mit dem Umbau des Stromnetzes zu einem sogenannten Smart Grid.

„Früher mussten die Versorger vielleicht zweimal im Jahr nachregulieren, also Kraftwerke zu- oder abschalten, um die Stromversorgung sicherzustellen, heute an mehr als 200 Tagen im Jahr“, weiß Leitert. Gerade die sogenannten Smart Meter eröffnen Hackern hier viele Möglichkeiten.

Erst im Februar 2012 standen die Stromnetze kurz vor dem Kollaps, weil statt des teuren regulären Stroms illegal auf die deutlich billigeren Notreserven zurückgegriffen wurde. Hätte es zwischen dem 6. und dem 9. Februar einen technischen Störfall gegeben, wäre das Netz wohl zusammengebrochen, konstatiert die Bundesnetzagentur.

„Nach der öffentlichen Verwaltung ist der Energiesektor mittlerweile das am zweithäufigsten attackierte Ziel weltweit. Zwischen 2012 und 2013 erfolgten neun Angriffe täglich“, erklärt Candid Wueest von der Cyber-Sicherheitsfirma Symantec. Um einen Kontinent vom Netz zu nehmen, sind aber längst keine besonders versierten IT-Experten mehr notwendig. Dazu reicht bereits eine Gruppe entschlossener Terroristen. Ein Sprengstoffangriff auf die Transformatoren einiger großer Umspannwerke genügt völlig, wie Technikexperte Herschel Smith klarstellt

Bislang ist Europa von einem großflächigen Stromausfall verschont geblieben – das macht nachlässig.

Kommentar

Sehr guter Bericht, der viele Aspekte anspricht. Siehe etwa auch weiterführend Nuklear Sicherheit, TAB-Studie 2011, Ernährungsvorsorge in Österreich, Kat-Leuchtturm Projekt Berlin,  U.S. Risks National Blackout From Small-Scale Attack

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