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Was wir aus dem Amoklauf in München lernen könnten

 

… und auch von den sonstigen Ereignissen der letzten Wochen.

Nach der Krise ist vor der Krise

Dieser Beitrag versucht einige wenige, generelle Ableitungen aus dem Amoklauf von München bzw. auch von den anderen Ereignissen in Deutschland und Frankreich zu treffen. Auch wenn keine Krise der letzten gleicht, kann man immer etwas dazulernen, was auch im Sinne der Achtsamkeit zu sehen ist. Natürlich handelt es sich hierbei auch nur um einen kleinen Ausschnitt aus der Realität.

Dynamik & Soziale Medien

Bereits 1 1/2 Stunden nach den ersten Schüssen stand auf orf.at ein Live-Ticker bereit. Damit erfolgte eine Involvierung eines breiten Publikums, das minütlich über neue (Falsch-)Meldungen informiert wurde. Wahrscheinlich waren andere Sender noch deutlich schneller. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch Soziale Medien, welche zusätzlichen zu einer raschen Verbreitung  der Meldungen beitragen bzw. eine eigene Realität schaffen (“Filterblasen“). Dadurch kam/kommt es bei einem solchen Ereignis zu einer frühzeitigen emotionalen Aufschauckelung – es kommt zu positiven Rückkopplungen (Kybernetik). Hinzu kommt, dass anscheinend Spaßvögel mit Falschmeldungen zusätzlich zur Dynamik und Chaotisierung beigetragen haben. Andererseits besteht durch die rasche Verbreitung die Gefahr, dass Kleinigkeiten hochgespielt und überbewertet werden (“Kleine Ursache, große Wirkung”). Aber auch klassische Medien (TV, Online-Auftritte) verstärken Gerüchte über ihre Kanäle und senden diese an ein breites Publikum, womit sich die Unsicherheit bzw. die Chaossitutation nochmals deutlich verstärkt wird. Jedes Medium will vorne dabei sei und rasch Informationen zur Verfügung stellen, auch wenn sich der Nebel des Ereignisses noch nicht gelichtet hat bzw. noch niemand einen Überblick haben kann, was tatsächlich gerade passiert (ist).

Wie sich ebenfalls gezeigt hat, verstärken schwer bewaffnete Sicherheitskräfte bei einer unvorbereiteten Bevölkerung die Unsicherheit, da diese ja nicht einschätzen kann, ob sie unmittelbar bedroht ist bzw. wurden zivile Sicherheitskräfte, die ja zum Teil auch vermummt und mit Langwaffen im Einsatz waren, irrtümlich als mögliche “Angreifer” gemeldet (Warum Polizisten in München in Zivil im Einsatz warenSchüsse, Waffen, Täter – die es niemals gabAmoklauf in München: Wieso Panik plötzlich eine ganze Stadt erfasst). Hier könnte durch eine präventive Sicherheitskommunikation – was ist bei einer solchen Lage zu beachten, was ist zu erwarten, wie soll man sich verhalten – sicher etwas Dynamik und Unsicherheit reduziert werden. In der Situation selbst sind viele Menschen mit derartigen Informationen überfordert (“Tunnelblick”) bzw. reduziert das Gehirn stark die Denkleistung, instinktiv stehen nur mehr Flucht, Angriff oder Erstarren als Handlungsoptionen zur Verfügung. Wenn man jedoch bereits ohne Stress mit konkreten einfachen Handlungsanweisungen konfrontiert wurde, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man auf dieses Wissen zurückgreifen und rationaler handeln kann. Darum üben auch Einsatzorganisationen mögliche Einsatzszenarien.

Auch hier gilt: Vernetzung führt zu Komplexität, womit die Dynamik und die Varität (Mannigfaltigkeit bzw. die Anzahl der Möglichkeiten) steigen. Das mag man nun mögen oder nicht, es stellt auf jeden Fall ein Faktum dar, dass wir so annehmen müssen, da wir zum Glück in keiner totalitären Gesellschaft leben, wo man “top-down” eingreifen kann, wie wir das etwa gerade in der Türkei erleben.

Leider wird damit auch bestätigt, dass die Behörden kaum mehr über über eine Deutungshoheit verfügen, ganz im Gegenteil, sie müssen immer häufiger der extern geschaffenen Realität hinterher hecheln, was vor allem daran liegt, dass hier eine Komplexitätslücke entsteht. Nur wenige Behörden können heute bereits mit Sozialen Medien umgehen bzw. nutzen diese auch aktiv – die Münchner Polizei tat das sogar sehr erfolgreich. Dadurch konnte man auch rasch auf Falschmeldungen reagieren.

Eine besondere “Qualität” schafft auch die rasche Verbreitung von Augenzeugenberichten/-fotos/-videos, womit auch Realitäten geschaffen werden, die nicht mehr gesteuert werden können. Daher ist es notwendig, frühzeitig die vorhandenen Fakten zu veröffentlichen, um Gerüchten vorzubeugen. Bei einem Zuwarten, bis man alle weiß bzw. verifiziert hat, besteht die große Gefahr der Verselbstständigung der Lage. Wobei hier ein schmaler Grad betreten werden muss, da man Gefahr läuft, selbst Gerüchte zu verbreiten. Es gibt daher keine Patentrezepte jedoch muss die Reaktionsgeschwindigkeit steigen, um mit den heutigen Entwicklungen durch Soziale Medien mithalten zu können. Ein Aussitzen wird sich nicht bewähren, wenngleich auch eine gewisse Gelassenheit erforderlich ist.

Wie wichtig eine mehrsprachige (Krisen-)Kommunikation ist, hat auch die Münchner Polizeiarbeit gezeigt, wenngleich “türkisch” erst relativ spät dazukommen ist. Und genau das kann man vorher vorbereiten.

Der Umgang mit Sozialen Medien erfordert eine entsprechende Vorbereitung, insbesondere muss  das Vertrauen der Empfänger bereits vor einer Krise aufgebaut worden sein, damit im Anlassfall die Informationen der Behörde auch als vertrauenswürdig eingestuft werden. Siehe ergänzend etwa Staatliches Katastrophenmanagement: Krisenkommunikation 2.0Katastrophenkommunikation in der digitalen Welt bzw. Die Netzwerkgesellschaft und Krisenmanagement 2.0, S. 74f).

Politischer Aktionismus

Was bei den verschiedenen Ereignissen auch zu beobachten war, war der politische Aktionismus und voreilige Wortmeldungen, die wenig sachdienlich waren und sind. Wie etwa, dass obwohl die Lage noch völlig unklar war, bereits eindeutige Statements abgegeben wurden, oder im Nachgang klassische Klischees bedient wurden:

„Der barbarische Angriff von München zeigt, in was für einer gefährlichen Welt wir leben“, schreibt der tschechische Außenminister Lubomir Zaoralek auf Twitter.

Das Attentat in München löst auch in den USA Bestürzung aus. Ein Sprecher von Präsident Barack Obama sagt, die Vereinigten Staaten verurteilten den „anscheinenden Terrorakt“ auf schärfste Weise. „Wir kennen noch nicht alle Fakten, aber wir wissen, dass dieser feige Akt viele Menschen in einer der lebendigsten Städte Europas getötet und verletzt hat“, so Josh Earnest, Sprecher des Weißen Hauses.

Gesprächsbedarf ortete der Minister aber mit Blick auf das „unerträgliche Ausmaß gewaltverherrlichender Spiele im Internet“, das aus seiner Sicht „zweifelsohne“ auch Auswirkungen auf den Münchner Täter gehabt habe. Die Frage, wie es zu solchen „Explosionen von Gewalt“ kommen könne und ob die Tat absehbar war, müsse sich De Maiziere zufolge demnach auch an das direkte Umfeld des 18-Jährigen Täters richten und nicht an die Sicherheitsbehörden.

Seehofer ließ in diesem Zusammenhang durchblicken, dass es mehr Geld für die Polizei geben soll – sowohl für zusätzliche Stellen als auch neue und bessere Ausrüstung.

Damit wird nicht wirklich zur Deeskalation sondern zur weiteren Verunsicherung beigetragen. Gerade im Nachgang wurde dann weiter zur Erhöhung der bestehenden Scheinsicherheit aufgerufen, auch wenn immer wieder betont wird, dass es keine 100-Prozentige Sicherheit gibt. Es fehlen nur die entsprechenden Konsequenzen aus dieser Ableitung. Eine bessere Ausrüstung, noch mehr Überwachung, etc. führt definitiv nicht zur Erhöhung der gesamtgesellschaftlichen Resilienz.

Hier wäre vielmehr eine umfassende Sicherheitskommunikation erforderlich, die einerseits psychologische Effekte und konkrete Handlungsanweisungen für derartige Lagen kommuniziert. Aber das lässt sich halt nicht so rasch und leicht umsetzen, wie die Anschaffung von Technik. Auch die Verstärkung von Sicherheitskräften an öffentlichen Plätzen wird nicht wirklich zur Erhöhung der Sicherheit/des Sicherheitsgefühls beitragen, ganz im Gegenteil. Einerseits werden durch die “Show of Force” Kräfte von ihrer bereits überlasteten Alltagsarbeit abgezogen und zum anderen verstärken Sicherheitskräfte eher das Unsicherheitsgefühl, denn sie bestätigen ja, dass etwas nicht mehr stimmt. Zumindest geht es mir immer dabei so und ich denke, es wird auch vielen anderen Menschen dabei ähnlich ergehen, da das einfach nicht zu unserem gewohnten Straßenbild passt.

Krisenmanagment & Krisenkommunikation und Kanäle

„Wir gehen insofern von einem Terroranschlag aus, als wir mit unseren Maßnahmen bei dieser Annahme die höchstmögliche Wirkung erzielen und wir lieber zu viel als zu wenig Personal auf der Straße haben. Wenn sich herausstellt, dass es einen anderen Hintergrund hatte, haben wir den Worst Case auch abgedeckt.“

Diese Einstellung und Vorgangsweise hat sich bewährt. Auch beim Szenario “Blackout” bzw. bei jedem strategischen Schockereignis ist eine rasche Eskalation und die Nutzung der “Golden Hour” eine wesentliche Voraussetzung, um mit wahrscheinlichen dynamischen Lageentwicklungen mithalten zu können.

Eine generelle Verbesserung bei der Krisenkommunikation bzw. auch zur Entlastung der wichtigen Notrufnummern könnte durch die Einrichtung einer zentralen Hotline-Nummer erreicht werden. Diese wurde in München erst nach ein paar Stunden aktiviert. Auch hier könnte durch eine entsprechende Vorbereitung und durch eine vorangegangene Sicherheitskommunikation wichtige Zeit gewonnen werden. Eine öffentlich bekannte Kurzwahlrufnummer, die für alle Sonderlagen (wie nach dem Tsunami 2004, nationalen Katastrophen, Terroranschlägen, etc.) vorbereitet und rasch aktiviert werden kann (siehe dazu auch in Die Netzwerkgesellschaft und Krisenmanagement 2.0, S. 82.).

Das unsere Kommunikationssysteme für derartige Krisenfälle nur eingeschränkt ausgelegt sind, zeigte etwa auch, dass das deutsche Katastrophenwarnsystem KatWarn bereits bei diesem lokalen Ereignis überlastet war. In Österreich steht dagegen nichteinmal ein vergleichbares System zur Verfügung. In Deutschland gibt es daneben auch noch NINA und in der Schweiz AlertSwiss.

Nach dem gestrigen Amoklauf im Münchener Olympia-Einkaufszentrum riefen 250.000 Nutzer Informationen über das Katastrophenwarnsystem KatWarn ab – was das System an seine Kapazitätsgrenze brachte.

Da KatWarn die Informationen per SMS beziehungsweise das Internet verschickt, gibt es keine Garantie, dass man im Fall des Falls tatsächlich gewarnt wird: Bricht beispielsweise das Mobilfunknetz zusammen, so kommen Warnungen systembedingt nicht mehr an.

Während des Anschlags in München war das Mobilfunknetz zeitweise überlastet. Es sei ab etwa 19 Uhr für rund anderthalb Stunden sehr stark beansprucht worden, teilte ein Sprecher vom Mobilfunkanbieter Telefonica (O2 / E-Plus) mit. Auch im Netz der Telekom habe es vereinzelt Überlastungen gegeben, so ein Sprecher. Bei Vodafone habe es nach Unternehmensangaben keine Störungen gegeben.

Zukunft!?

Wie die aktuellen Ereignisse gezeigt haben, reichen Einzeltäter aus, um unser gewohntes Leben auf den Kopf zu stellen. Bei allen Tätern der vergangenen Wochen hat es sich um psychisch labile Menschen gehandelt, die keiner “Organisation” zuzuordnen sind, auch wenn sie durch andere “inspiriert” wurden. Was könnte aber erst passieren, wenn Dinge eintreten, wie sie etwa in diesem in den Raum gestellt wurden?

“Die Ziele von neuen Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat liegen im Etablieren eine Kalifats auch auf europäischem Boden”, warnt Heeres-Chefstratege Brigadier Philipp Eder in einem Dossier eindringlich. Geheimdienstinformationen belegen nämlich, dass die IS-Führung auch Anschläge unter typisch militärischen Verfahren plant. Das heißt: Künftig drohen nicht nur weitere Horrorangriffe “einsamer Wölfe” mit Lkws, Autos oder Äxten und Messern wie in Nizza oder Würzburg, sondern auch strategisch konzipierte Terrorattacken wie in Paris oder in Brüssel. Quelle: Jagdkommando: Speerspitze im Kampf gegen Terror

Als ausgebildeter Berufsoffizier läuft mir da etwas der Schauer über den Rücken. Mir würden da sofort, nicht zuletzt aufgrund der bisherigen Reaktionen der Einsatzorganisationen bzw. der Bevölkerung nach den jüngsten Ereignissen, eine Vielzahl von einfachen taktischen Angriffen einfallen, um unsere Gesellschaft für längere Zeit lahm zu legen. Wobei der größte Schaden dabei wohl von uns selbst ausgehen würde, weil wir einfach kopflos reagieren würden. Daher können wir uns weiterhin der Scheinsicherheit hingeben – und eines Tages sehr unsanft aufwachen, oder wir nutzen diese Wachrüttler, um uns mit den neuen Realitäten auseinanderzusetzen.

Siehe dazu auch die Beiträge Hybride Bedrohungspotenziale im Lichte der Vernetzung und Systemischen Denkens bzw. Eine systemische Betrachtung sicherheitspolitisch relevanter Entwicklungen und Sicherheitspolitischrelevante Entwicklungen – Eine systemische Betrachtung Teil 2.

 

Schlussfolgerungen

Trotz der Dragik der jüngsten Ereignisse muss uns klar sein, dass diese noch das unterste Niveau möglicher strategischer Schocks in absehbarer Zukunft darstellen könnten. Wenn wir aber als Gesellschaft bereits jetzt überreagieren bzw. uns damit überfordert fühlen, dann stellt das keine gute Basis für eine erforderliche gesamtgesellschaftliche Resilienz dar. Leider macht sich hier einmal mehr die fehlende bzw. unzureichende Sicherheitskommunikation bemerkbar, um mit unerwarteten bzw. VUCA-Entwicklungen besser umgehen zu können.

Weiters bestätigt sich hier der erforderliche Megatrend Achtsamkeit, auch um falschen (politischen) Versprechungen entgegenzuwirken. Nicht Technik wird unsere Probleme lösen, sondern etwa Achtsamkeit auf Menschen mit psychischen Problemen bzw. ein besserer sozialer Zusammenhalt, womit wieder Kommunikation eine zentrale Rolle spielt. Wir kommunizieren zwar so viel wie nie zuvor, nicht zuletzt aufgrund der neuen Medien, aber anscheinend nicht über die richtigen oder wichtigen Dinge. Hier bedarf es sicher weiterer Reflexionen.

Die Aufrüstung der Sprache, die inflationäre oder die leichtfertige Verwendung von einschlägigen Begriffen (Terror, Panik, Islamisten, etc.), und Aktionismus sind auf jeden Fall kontraproduktiv und werden uns nicht weiterbringen. Daher gilt einmal mehr, wir fürchten uns häufig vor den falschen Dingen … Das Risikoparadox – Warum wir uns vor dem Falschen fürchten. Zum Glück greifen das auch einige Medien bzw. Redakteure aktiv auf, wie etwa Bernd Zimmermann vom Sicherheits-Berater oder Eva Winroither in der Presse am Sonntag vom 31.07.16.

Damit sollen die Ereignisse nicht pagadellisiert werden, denn für alle Betroffenen und deren Angehörigen ist es eine Katastrophe, jedoch muss eine Gesellschaft trotzdem etwas anders ticken, denn sonst gibt sie sich selbst auf. Terrorismus wirkt immer zweimal, einmal durch das unmittelbare Ereignis und ein weiteres Mal, durch das was wir mit uns selbst machen.

Keine 100% Sicherheit! 

Die wesentliche Frage ist daher, welche konkreten Schlüsse und Ableitungen ziehen wir daraus? Einer könnte sein, dass wir das psychosoziale Betreuungsangebot, insbesondere für aus Krisengebieten geflüchtete Personen, erhöhen bzw. psychisch labilen Menschen generell mehr Aufmerksamkeit schenken sollten. Denn auch die meisten Todesopfer bei einem Einzelereignis in den vergangen Jahren sind nicht einem ausländischen Terroristen zuzurechnen, sondern “einem von uns” – dem German Wings Piloten, der 150 Menschen das Leben nahm. Und dabei sollte uns auch bewusst sein, dass dieses Ereignis erst durch die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen nach 9/11 – die einen Zutritt zum Cockpit verhindern – ermöglicht wurde. Mehr Sicherheit bedeutet daher nicht immer wirklich mehr Sicherheit, bzw. kann im Einzelfall auch das Gegenteil bewirken.

Natürlich gebe es hier noch viel mehr zu sagen bzw. gibt es davon auch noch viel mehr Grauschattierungen, aber mit diesem Beitrag soll ein einfacher Denkanstoß erfolgen.

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