Home » Blog » Gesellschaft » Die Fraktalität des Wissens – oder warum wir vernetztes Denken benötigen

 

Die Fraktalität des Wissens – oder warum wir vernetztes Denken benötigen

 

Quelle: heise.de

Die jährliche Zahl der wissenschaftlichen Publikationen nimmt exponentiell zu

Es ist ein Gemeinplatz, dass das verfügbare Wissen der Menschheit sehr schnell wächst. Genauer müsste man vielleicht sagen: die verfügbare Information, aber ich möchte zwischen diesen Begriffen hier nicht unterscheiden. Dieses Wachstum gilt für die Zahl gedruckter Bücher ebenso wie für Information im Internet, und natürlich auch für wissenschaftliche Publikationen.

Nun ist exponentielles Wachstum immer etwas, das einen stutzig machen sollte. Wir Menschen können mit exponentiellen Prozessen intuitiv nicht umgehen. Unsere kognitive Ausstattung ist nicht dafür eingerichtet. Wenn etwas exponentiell geschieht, nennen wir es meistens: plötzlich. “Plötzlich war das Brot verschimmelt!”

Innerhalb eines begrenzten Systems – wie etwa unserer Erde – ist länger andauerndes exponentielles Wachstum offenkundig unmöglich. Für kurze Zeit ist es Bestandteil fast jeden natürlichen Wachstumsprozesses. Aber wenn es außer Kontrolle gerät und nicht durch eine negative Rückkopplung gebremst wird, dann ist es nahezu zwangsläufig zerstörerisch.

So sind denn auch die exponentiellen Prozesse, die einem als erste einfallen, eher unerfreulicher Art: Bakterien auf einem Nährmedium – Schimmel – Krebs – das Wachstum von Geldguthaben und Geldschulden – eine Atombombenexplosion. Was die zerstörerische Gewalt betrifft, hätte ich die letzten beiden Beispiele möglicherweise in ihrer Reihenfolge vertauschen müssen.

Als Wissenschaftler hat man also Teil an einem seit mindestens sechzig Jahren exponentiell wachsenden Prozess, und fragt sich: Wie kann das gut gehen?

Warum wächst die schriftlich fixierte Information exponentiell?

Das exponentielle Wachstum von Vermögen und Schulden – beide sind in einem Kreditgeldsystem zwei Seiten derselben Medaille und daher immer gleich groß – hat seine Ursache darin, dass der Zinssatz für Geld, wie wir es kennen, immer positiv sein muss, und das wiederum liegt daran, dass Geld, wie wir es kennen, nie verrottet und auch keine Lagerkosten hat, wie alle anderen Waren auf dem Markt.

Doch auch das Vorhandensein von Geld ist nur eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung dafür, dass mehr wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden. Etwas anderes kann vielleicht besser erklären, warum unsere dokumentierte Kenntnis der Welt exponentiell wächst: Exponentialität findet man in der Natur nämlich noch an sehr vielen anderen Stellen, wo sie mitnichten zerstörerisch ist: in den Fraktalen. Fraktale sind mathematische Gleichungen, die selbstähnlich und an keinem Punkt differenzierbar sind.

Ist Wissen fraktal?

Dann ließe sich das exponentielle Wachstum der Publikationen zwanglos aus der altbekannten Feststellung erklären, dass in der Wissenschaft aus jeder beantworteten Frage drei neue entstehen. Das läge dann einfach in der Natur der Sache: Je genauer man hinsieht, desto mehr Details sieht man, und ist trotzdem nie am Ende.

Der Gedanke, dass ich mein berufliches Leben damit zubringe, die Küste von England in immer feineren Verästelungen zu beschreiben – bis in die Flussmündungen und Grotten, bis in die Lücken zwischen Felsbrocken, bis in die Zwischenräume der Sandkörner hinein -, dieser Gedanke kann ja auch etwas enttäuschend sein. Es bleibt ja doch dieselbe Küste. Das Land dahinter wird nicht größer, es ist immer dasselbe, und wir haben vielleicht Irland immer noch übersehen. Und ob wir durch unsere Detailforschung einen besseren Überblick über die Form der Küste gewonnen haben, darf man bezweifeln.

Vielleicht wäre es auch in den Wissenschaften ein lohnendes Unterfangen, von den Einzelergebnissen zurückzutreten, den Mustererkennungsmodus einzuschalten und zu schauen, ob wir nicht in den verschiedenen Wissenschaften, und auf den verschiedenen Betrachtungsebenen, wiederkehrende Muster finden.

Kommentar

Es lohnt sich, den ganzen Artikel zu lesen. Die Betrachtungen passen gut zu meinen Überlegungen und Beobachtungen. Einerseits, dass mit dem Wissenserwerb das bekannte Nicht-Wissen exponentiell steigt. Zum anderen, dass wir verstärkt vernetztes Denken und systemische Betrachtungen  benötigen, um mit den neuen Herausforderungen besser umgehen zu können. Wir vernetzten immer mehr technische Systeme, denken und handeln aber häufig noch linear und in “Silos”. Das passt nicht zusammen und stellt uns vor immer größeren Herausforderungen. Darüber hinaus reicht einzelnes Expertenwissen nicht mehr aus. Vielmehr müssen die verschiedenen Ansichten und Einsichten miteinander zu einem neuen Ganzen verbunden werden (“unsichtbare Fäden“). Die Mustererkennung spielt dabei eine wichtige Rolle, was im Sicherheitsbereich auch mit nachfolgender Grafik zum Ausdruck gebracht werden soll (siehe auch Resilienz):

Sicherheit versus Robustheit

Tags:

 

No Comments

  1. […] Markus Jaschinsky beobachtet die europäische Netzfrequenz (www.netzfrequenz.info) und kommt eigentlich zu einer paradoxen Feststellung. Die hohe volatile Windeinspeisung führt nicht wie vielleicht erwartbar zu einer instabileren Frequenz, sondern ganz im Gegenteil, die Stabilität steigt bei solchen Ereignissen sogar. Hier wären sicher tiefergehende Untersuchungen erforderlich bzw. interessant. Aus einer systemischen Sicht/Betrachtung könnte da aber auch ein Warnsignal sein. Denn aus der Big Data Forschung ist etwa bekannt, dass wenn Werte bei Frühgeborenen stabil werden, dass ein Alarmsignal für eine kurz bevorstehende Komplikation und Infektion ist. Auch Nassim Taleb, der Autor von “Der Schwarze Schwan” beschreibt immer wieder solche Phänomene, wie etwa aktuell in seinem Aufsatz The Calm Before the Storm. Hierzu passt auch der Post Die Fraktalität des Wissens – oder warum wir vernetztes Denken benötigen. […]

Post a Comment