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Ein robuster Strommarkt sieht anders aus

 

Quelle: www.welt.de

Unklare Preisfindung, kaum kontrollierbar – das neue Konzept für Deutschlands Strommarkt lässt viele Fragen offen, sagen zwei Berater des Wirtschaftsministers. Für Verbraucher sei das besorgniserregend.

Die aktuelle Bundesregierung hat mit der Verlagerung der Energiepolitik in das Wirtschaftsministerium das Signal gegeben, die Energiewende verstärkt marktwirtschaftlich auszurichten.

Der Wettbewerb soll für eine sichere Stromversorgung bei bezahlbaren Preisen sorgen. Doch im Weißbuch zeigen sich Marktskepsis und fehlendes Marktverständnis auf gravierende Art.

Die zentrale Frage für die Versorgungssicherheit ist dabei, wie sich der Strommarkt in Zeiten großer Kapazitätsknappheit verhält.

Abenteuerliche Hoffnung auf Selbstdisziplinierung

Anders als in einigen anderen Ländern möchte man in Deutschland, so jedenfalls das Weißbuch, auf den ‘freien’ Markt vertrauen – vollständig aber dann doch nicht. Man hat sich für zwei Kernmaßnahmen entschieden, erstens eine Garantie für eine freie Preisbildung am Strommarkt und zweitens die Einführung einer Kapazitätsreserve. Doch beide Maßnahmen bergen große Risiken für den Strommarkt.

Die erste Maßnahme setzt auf Marktpreise und unterstellt daher zunächst, dass es keine Blackouts geben wird. Voraussetzung dafür ist, dass den Anbietern in Zeiten großer Kapazitätsknappheit erlaubt wird, sehr hohe Strompreise zu fordern. Dies soll dann Anreize für den Neubau von genügend Erzeugungsanlagen schaffen.

Doch selbst wenn die Prämissen richtig sind, ist die daraus abgeleitete Maßnahme im Weißbuch abenteuerlich. Bei großer Knappheit steigt die Marktmacht stark an. Wenn 95 Prozent der Erzeugungskapazität benötigt werden, um eine recht unflexible Nachfrage zu bedienen, ist jeder Anbieter bereits ab einem Marktanteil von fünf Prozent “systemrelevant”. Es wäre blauäugig, darauf zu setzen, dass sich ein Markt, in dem fast alle Anbieter systemrelevant sein können, selbst diszipliniert.

Allerdings ist es bei großer Knappheit in Strommärkten praktisch unmöglich, zwischen berechtigten Knappheitspreisen und Marktmachtausübung zu unterscheiden.

Ein Beispiel, wohin das führen kann, ist die Stromkrise, die im Sommer 2000 Kalifornien durch extrem hohe Strompreise in die Knie gezwungen hat. Eine “Garantie für freie Preisbildung” ist aus dieser Perspektive eine für Konsumenten überaus besorgniserregende und eine für Investoren nicht sehr glaubwürdige Idee. Ein robuster Strommarkt sieht jedenfalls anders aus.

Kommentar

Die kritischte Infrastruktur dem freien Spiel der Märkte zu überlassen, ist einfach nur grob fahrlässig. Vielleicht sollten die Verantwortlichen einmal einen Blick auf die Börsen werfen – bzw. hinterfragen, wie ein träges System wie das Stromversorgungssystem in diese Welt passt, wo die durchschnittliche Haltzeit von Aktien bei wenigen Sekunden liegt – da die Investoren rasch Profit machen wollen … Es ist immer wieder verwunderlich, wie wenig Systemverständnis hier gezeigt, bzw. wie fahrlässig mit unserer wichtigsten Lebensader umgegangen wird.

Um hier einmal mehr Ulrich Beck zu zitieren:

Die ‘Nebenfolgen’, von denen man zum Zeitpunkt der Entscheidung nichts wissen wollte oder nicht wissen konnte, nehmen, verdeckt und verbreitet hinter der Fassade des Nichtwissens, die die Grenzen von Raum und Zeit aufhebende Gestalt von Umweltkrisen an. S. 47.

Nebenfolgenkatastrophen sind dadurch charakterisiert, daß einzelne Entscheider und Entscheidungen nicht identifizierbar sind. S. 278.

Alles, was das Risiko vorantreibt und unkalkulierbar macht, alles, was die institutionelle Krise sowohl auf der Ebene der regierenden Politik als auch der Märkte hervorruft, wälzt die ultimative Verantwortung des Entscheiders auf die Individuen ab, die letztlich alleingelassen werden mit ihrem partiellen und parteilichen Wissen, der Unentscheidbarkeit und den vielgesichtigen Unsicherheiten. S. 348.

Kommentar Franz Hein

Hier wird suggeriert, dass Stromnachfrager zu jeder Tages- und Nachtzeit im Sekundenbereich aufgrund eines Preises die Bezugsleistung so variieren, dass dies eine Netzregelung ersetzt. Das ist ein ausgemachter Unsinn.

Ganz offenbar ist es das größte Unglück, wenn kein Marktpreis entsteht. Dass ein Ausfall der Energieversorgung in der Regel ganz erhebliche negative Folgen hat, bleibt außen vor.

Die infrastrukturellen und gesellschaftlichen Zusammenhänge werden wohl nicht verstanden. Hier sollten einem die Haare zu Berge stehen!

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  1. […] Ein robuster Strommarkt sieht anders aus – Abenteuerliche Hoffnung auf Selbstdisziplinierung – ein gefährliches Spiel mit der kritischten Infrastruktur und Lebensader unserer Gesellschaft. […]

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