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VuK-Sonderinformation #2 – 20. März 2015

 

Erstveröffentlichung 17.03.15

Wie in der ersten Sonderinformation vom 1. März angekündigt, möchten wir Ihnen heute noch zusätzliche Informationen zur bevorstehenden Sonnenfinsternis am Freitag (siehe auch Sonnenfinsternis 2015) senden. Bei Bedarf (z. B. Änderungen der Wetterprognosen) wird diese aktualisiert.

Risikokommunikation

Vergangene Woche hat das deutsche Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) eine Presseaussendung mit der Empfehlung zur Vorbereitung auf ein mögliches Blackout ausgesendet. In Österreich gibt es bisher keine offizielle öffentliche Stellungnahme. Eine Kommunikation über erkannte Risiken muss offen, transparent und für alle Empfänger auch öffentlich nachvollziehbar sein.

Der Österreichische Zivilschutzverband hat das Thema auch aufgenommen und konkrete Empfehlungen, neben den bereits bestehenden Blackout-Ratgebern, aufbereitet.

Im Blog wurden Auszüge aus einer Masterarbeit zur Treibstoffversorgung der Einsatzkräfte im Katastrophenfall aufgenommen, die einiges zum Nachdenken enthalten. Hier auch nochmals der Hinweis auf die deutsche Studie Neue Erkenntnisse zur Lagerfähigkeit von Brennstoffen für Netzersatzanlagen. Treibstoffe für Netzersatzanlagen haben eben auch ein Haltbarkeitsdatum und sind irgendwann unbrauchbar.

Update 18.03.15: In der Risikoeinschätzung gibt es durchaus sehr widersprüchliche (qualifizierte) Aussagen, vor allem, was die tatsächliche Verdunkelung und damit Stromproduktion betrifft. Siehe etwa bei der Wiener Arbeitsgemeinschaft für Astronomie. Uns geht es vorwiegend um die Frage: Wären wir darauf vorbereitet? Denn es gibt nicht nur die (berechenbare) Sonnenfinsternis als Herausforderung im aktuellen Stromversorgungssystem!

Medienberichte

Es gab und gibt nun zahlreiche Medienberichte, die aber leider oft spekulativ sowie verharmlosend bis übertreibend sind. Das ist wenig hilfreich, um sich konkret mit der Frage zu beschäftigen: Wären wir darauf vorbereitet?

Diese Frage wird so gut wie nicht gestellt. Das Thema polarisiert sofort. Eine sachliche Diskussion ist nicht feststellbar. Aber man muss die Wirklichkeit so nehmen, wie sie ist. Wir bekommen keine andere.

Netzbetreiber / Netzsicherheit, Netzstabilität und Netzregelung

Die Netzbetreiber haben weiter versichert, sich umfangreich auf den kommenden Freitag vorbereitet zu haben. Sie sprechen jedoch auch von einem nicht vernachlässigbaren Restrisiko, da die Beherrschbarkeit des Netzbetriebs nicht nur von der Sonnenfinsternis abhängig ist. Eine Kumulation von weiteren Ereignissen, die auch in anderer Weise den täglichen Netzbetrieb herausfordern, kann noch immer den Ausschlag für eine europäische Großstörung liefern. Um das Ganze etwas bildlich darzustellen – wir fahren mit konstanter Geschwindigkeit auf die unbekannte Zukunft wie auf eine Nebelwand zu. Aus physikalischen Gründen können wir die Geschwindigkeit nicht verringern. Wir meinen, die vor uns liegende Strecke zu kennen und daher besteht eine gute Chance, dass wir unbeschadet durchfahren können. Sollten jedoch unerwartete Hindernisse oder unbekannte Kurven auftauchen, dann hat der weitere Verlauf viel mit Glück zu tun.

Nationale/regionale Balancegruppen

Damit nicht alles vom Glück abhängt, wurden für Freitag wieder nationale/regionale Balancegruppen festgelegt, in denen Nachfrage und Angebot ausgeglichen sein müssen, was einen wichtigen Beitrag zur Systemsicherheit darstellt. Denn die aktuellen Entwicklungen, wonach teilweise schon rund 50% des Strombedarfs in Österreich importiert wird (siehe z. B. am 01. oder am 08.03.15), wären in einer solchen Situation fatal. Zum anderen zeigt das aber auch, dass die Auseinandersetzung und Vorbereitung auf ein mögliches Blackout nicht nur mit der Sonnenfinsternis zu tun haben sollten.

Quelle: APG

Verantwortung der Regulierungsbehörden

Zusätzlich sei hier angemerkt, dass die Netzbetreiber dem regulierten Markt, also der staatlichen Regulierung unterliegen und daher eine Letztverantwortung bei den Regulierungsbehörden liegt, ob zu treffende Maßnahmen genehmigt bzw. abgegolten werden. Aus unserer Sicht sollten in einer solchen Situation der Markt, kommerzielle Überlegungen und Preise aus dem Spiel genommen werden. Die Systemsicherheit und die Versorgung der Bevölkerung müssen oberste Priorität haben.

Europäische Dimension

Wir möchten hier nochmals darauf hinweisen, dass entgegen den häufig rein nationalen Darstellungen die Sonnenfinsternis keine nationale, sondern eine europäische Herausforderung darstellt. Bei einer Wolkenbildung, selbst beim Heraufziehen einer Gewitterfront, wird zwar auch die Leistung der PV-Anlagen herabgesetzt. Aber dabei handelt es sich nicht um ein vergleichbares `europäisches´ Ereignis und dessen Dimension, wie am kommenden Freitag. Wir haben ein europaweit ausgedehntes und auch so betriebenes Energieversorgungssystem, dass nur im Ganzen funktioniert. Dabei ist im mitteleuropäischen Kerngebiet die Einhaltung der Stabilität am problematischsten, weil hier die  die PV-Anteile am höchsten sind.

Aktuelle Wetterprognosen

Aus heutiger Sicht (Dienstag, 17.03) dürfte der Freitag kein klarer Sonnentag werden. Daher sollten die Herausforderungen bei der Netzregelung sinken, jedoch auf europäischer Ebene durchaus weiterhin bestehen. Die Windstromproduktion wird auch eine Rolle spielen.

Update 18.03.15: In der heutigen Wetterprognose scheinen mehr Sonnenscheinstunden auf, als noch gestern.

Update 19.03.15: Keine wesentliche Änderung zu gestern. Der bayrische Raum (sehr viel PV) wird aber sehr gute Verhältnisse aufweisen.

Update 20.03.15: Für Deutschland ist heute noch mehr Sonnenschein angesagt. Das bedeutet wohl, dass die Herausforderungen entsprechend groß werden. Italien schaltet alle PV-Anlagen über 100 MW vorsorglich ab (Italy to switch off PV plants over 100 kW during solar eclipse). Die Sonnenstunden sind in Mitteleuropa am höchsten.

Quelle: www.wetter.de

Wind- und Solarprognosen (neu ab 19.03.15)

Die aktuelle Windprognose der APG bzw. für Deutschland lässt für morgen sehr wenig Windproduktion erwarten (AUT bei Wind bis zu 2.000 MW, DEU bei Wind ~24.000 MW), was grundsätzlich positiv ist, da weniger Schwankungen zu erwarten sind. Möglicherweise wird die Windstromproduktion aktiv gedrosselt, da dies hier im Gegensatz zu PV-Anlagen möglich ist.

Prognose der Windenergieeinspeisung (20.03.2015)

150320 - DEU - erwartete Produktion Wind

Solar

 

150320 - DEU - erwartete Produktion Solar

Wachsamkeit und Achtsamkeit

Wir gehen nicht davon aus, dass am Freitag etwas schief läuft. Sollte dennoch etwas Unvorhergesehenes passieren, dann wären wir alle zumindest nicht völlig unvorbereitet, was einfach nur grob fahrlässig wäre. Hierzu nochmals der Hinweis auf die  >>Gedankenanstöße<< bzw. auf die bisherigen Hilfestellungen Mein Unternehmen auf ein Blackout vorbereiten und Was kann ICH tun?. Gerade die persönliche Vorbereitung wird häufig unterschätzt.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Die Konsequenzen sind entscheidend

Wir legen sehr viel Wert darauf, dass das Thema `Blackout´ nach dem kommenden Freitag nicht vorbei ist. Die Herausforderungen im europäischen Stromversorgungssystem steigen laufend an. Der Umstieg auf erneuerbare Energien ist ein notwendiger Prozess und noch lange nicht am Ende. Eine Entspannung – gerade auch bei der Netzregelung – ist derzeit nicht in Sicht, ganz im Gegenteil. Die Wahrscheinlichkeit für eine nicht mehr beherrschbare Auslenkung aus dem immer einzuhaltenden Leistungsgleichgewicht steigt weiter. Und hier ist nochmals zu betonen – es geht nicht um die Vorhersage oder um den Zeitpunkt eines großflächigen Ausfalls – sondern um die damit verbundenen Konsequenzen! Ein 24-stündiger Stromausfall am Freitag würde allein für Österreich einen primären Schaden von rund einer Milliarde Euro verursachen – ohne Sekundärschäden, die möglicherweise noch deutlich darüber liegen könnten (www.blackout-simulator.com).

Können wir uns das leisten?

Wir sollten dem gemeinschaftlich genutzten Gut, die immer noch hoch verfügbare Energieversorgung, endlich die gebotene Achtung und Aufmerksamkeit zukommen lassen.

Sollte wider Erwarten doch etwas schief gehen

Gemeinsam mit Christian Els, der zur Zeit im humanitären Bereich in Amman, Jordanien, arbeitet und forscht, haben wir die Crisis Mapping Plattform “Wir packen an!” auf die Beine gestellt. Sie soll dazu dienen, bei zukünftigen Katastrophen die Selbstorganisation der Bevölkerung zu unterstützen. Eine Beta-Version steht ab sofort unter www.wirpackenan.at zur Verfügung. Das Konzept dazu können Sie hier einsehen. Während eines Stromausfalls funktioniert das natürlich auch nicht, aber sonst schon.

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Wirpackenan

Sonnenfinsternis und die Netzfrequenz

Markus Jaschinsky stellt nun auf www.netzfrequenz.info eine für mobile Endgeräte optimierte Anzeige der aktuellen Netzfrequenz zur Verfügung (http://www.netzfrequenz.info/mobile/mobile.html).

Er hat auch eine Lageeinschätzung zur Sonnenfinsternis verfasst und wir stehen in Kontakt.

 

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2 Comments

  1. Danke für die aktualisierten Infos. Zusätzlich beunruhigend sind die aktuellen Meldungen über Sonnenstürme und Aurora über Mitteleuropa. In Bayern und Salzburg sichtbare Polarlichter sind extrem selten und Zeichen hoher Sonnenaktivität. Siehe z.B. http://www.merkur-online.de/bayern/polarlichter-ueber-weiten-teilen-deutschlands-nacht-mittwoch-auch-ueber-alpen-sichtbar-meta-4828717.html
    Wie bekannt führen Solarstörme zu problematischen Ladungsinduktionen in Hochspannungsleitungen. Das könnte einen zusätzlichen kritischen Einfluss auf die Netzstabiltität haben. Bewusste rechtzeitige Vorsorge für die eigene Resilienz ist daher keine Panikmache wie manchen vielleicht behaupten, sondern Wahrnehmung der nötigen Eigenverantwortung.

  2. Weiter Informationen: http://sonnen-sturm.info/echtzeit-weltraumwetter/ bzw. http://www.swpc.noaa.gov/products/ace-real-time-solar-wind und “Geomagnetic Storms” – OECD – http://www.oecd.org/governance/risk/46891645.pdf

    The present paper considers prospects for a future global shock caused by an extreme geomagnetic storm and its effect on critical infrastructure for electrical power and satellite-enabled communications, navigation, and monitoring. Following a brief review of the phenomenon and selected risk assessment examples, the paper describes a ?worst reasonable case? scenario, potential consequences, and the current state of efforts to mitigate vulnerabilities and consequences. Many such efforts are operational measures relying on adequate warning. In addition to operational and infrastructure hardening measures, mitigation opportunities exist in the form of international cooperation to address critical ?bottlenecks? in the replacement of extra high-voltage transformers.

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