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VuK-Sonderinformation: Kommunale Herausforderungen bei einem möglichen Blackout

 

Folgende Information erging an die Bürgermeister der rund 190 Städte in Österreich.

Sehr geehrte Frau Bürgermeister,
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

Mitte August berichteten zahlreiche deutsche Medien, dass die deutschen Netzbetreiber für das Jahr 2015 Kosten für Notmaßnahmen, um mögliche Blackouts zu verhindern, von bis zu 500 Millionen Euro erwarten. Auch in Österreich wurden laut dem Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid (APG) bereits im ersten Quartal 2015 45 Millionen Euro für derartige Maßnahmen aufgewendet, während es im gesamten Jahr 2014 ‘nur’ 25 Millionen Euro waren. Dies ist nur ein Indikator dafür, warum es Sinn macht, sich mit dem Thema ‘Blackout’ – einem ein plötzlichen, überregionalen (europaweiten) und länger andauernden Strom- und Infrastrukturausfall zu beschäftigen. Weitere Hinweise finden sich etwa in der Auswertung Risikoeinschätzungen Blackout-Gefahr.

Folgende aktuelle Erkenntnisse aus der Forschung sind wahrscheinlich auch für Sie als Behördenleiter bzw. als Vorsteher eines urbanen Raums relevant.

(Trink-)Wasserver- und Abwasserentsorgung im Fall eines Blackouts

Die Forschungsarbeit ‘ Energy blackouts and water outages‘ von Isabel Mank, erstellt an der TU-Wien, beschäftigt sich mit der Thematik ‘(Trink-)Wasserver- und Abwasserentsorgung im Falle eines Strom-Blackouts’ in Österreich. Sie kommt dabei zum Schluss, dass das Risikobewusstsein hierzu unzureichend ist und die möglichen (indirekten) Folgewirkungen eines Blackouts auf die (Trink-)Wasserver- und Abwasserentsorgung – und damit auf die Versorgung der Bevölkerung – massiv unterschätzt werden. Ein notwendiger Plan B bzw. eine Krisenvorsorge wird scheinbar durch Selbsttäuschung – ‘Es ist ja noch nie etwas passiert.’, ‘Es wird schon nicht so schlimm kommen.’, ‘Irgend jemand macht sich dazu ganz sicher Gedanken und ist vorbereitet.’ oder ‘Die Leute werden sich dann schon zu helfen wissen.’ ersetzt. Krisenmanagement – für das Sie in Ihrem Bereich auch verantwortlich sind – beginnt jedoch nicht erst in der Krise, sondern bereits mit der Erfassung von möglichen Verwundbarkeiten und mit Maßnahmen zur Reduktion von möglichen Auswirkungen.

Gerade im Bereich der Wasserversorgung wird die Abhängigkeit von elektrischen Pumpen oft unterschätzt (siehe Mödling stundenlang ohne Wasser oder Stromausfall brachte auch Probleme mit der Trinkwasserversorgung) bzw. ist diese oftmals nur wenigen Personen bekannt. Noch viel weiter reichende Auswirkungen sind bei der Abwasserentsorgung zu erwarten, da es auch hier viele stromabhängige Prozesse (Hebewerke, Kläranlagen) gibt und eine Notstromversorgung die Ausnahme darstellt. Ein nichtfunktionierendes bzw. in weiterer Folge möglicherweise auch beschädigtes Abwassersystem kann rasch zu weitreichenden Schäden und Folgewirkungen (Seuchengefahr!) führen. Viele Probleme würden sich aber vermeiden, zumindest aber mildern lassen, wenn sich die unterschiedlichen Stakeholder zuvor gemeinsam über die möglichen Folgen Gedanken machen und etwa Kommunikations- und Handlungspläne erstellen würden, die auch eine aktive Einbindung und Information der Bevölkerung vorsehen. Etwa, in welchen Bereichen (Regionen) ist im Falle eines Blackouts mit Problemen bei der Wasserver- bzw. Abwasserentsorgung zu rechnen und was kann jeder Einzelne dazu beitragen, um mögliche Folgewirkungen zu reduzieren oder welche organisatorischen Sofortmaßnahmen sind erforderlich.

Die (Trink-)Wasserver- und Abwasserentsorgung ist weitgehend dezentral organisiert und liegt in der Verantwortung der Kommunen. Wie sich im Rahmen der Arbeit gezeigt hat, sind die Verantwortlichkeiten hinsichtlich einer Krisenvorsorge bzw. Krisenbewältigung nicht immer bewusst bzw. bekannt. Dies ist insofern überraschend, als dass die Kommunen auch für mögliche Schäden und Kosten aufzukommen haben, welche durch präventive Maßnahmen deutlich reduziert werden könnten.

Die Autorin fordert daher eine öffentliche Auseinandersetzung, Bewusstseinsschaffung und Vorbereitung auf dieses Szenario ein. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ihre Interviewpartner angaben, dass ein solcher Prozess im eigenen Bereich erst begonnen habe, nachdem es dazu entsprechende Informationen über die aktuellen Herausforderungen im europäischen Stromversorgungssystem gab. ‘It is important to expect the worst as long as it is still reasonable to do so.’ – was wohl ausreichend belegt ist. Sie betont dabei auch, dass es nicht ausreicht, wenn sich nur einzelne Stakeholder (etwa Infrastrukturbetreiber oder Einsatzorganisationen) damit auseinandersetzen, sondern dass auch eine aktive Einbindung der Bevölkerung und Mobilisierung der Eigenvorsorge unverzichtbar sind.

Eine umfassende Zusammenfassung finden Sie online unter Energy blackouts and water outages.

Ernährungsvorsorge in Österreich

In Kürze wird das Sicherheitsforschungsprojekt ‘Ernährungsvorsorge in Österreich’ (EVA) abgeschlossen. Erste Erkenntnisse dazu wurden im Juni präsentiert. Wesentliche Erkenntnisse für Ihren Verantwortungsbereich kurz zusammengefasst:

  • 1.4 Millionen Haushalte können sich spätestens ab dem 4. Tag nur mehr eingeschränkt selbst versorgen (Anmerkung: Nach einem Blackout ist mit wesentlich längeren Versorgungsengpässen und -einschränkungen zu rechnen!)
  • 11-26% der befragten Haushalte verfügen über KEINE Wasservorräte!! (Anmerkung: Es ist durchaus zu erwarten, dass nach einem Blackout die nicht funktionierende Wasserversorgung für mehrere hunderttausend Menschen in Österreich zum Problem wird!)

Empfohlene Handlungsoptionen und Maßnahmen:

  • Einbindung der Bevölkerung unverzichtbar!
  • Private Bevorratung und Vorsorge
  • Klärung der Zuständigkeit
  • Steigerung der Resilienz im Ernährungssektor

Medikamentenversorgung bei Stromausfall

Eine weitere Forschungsarbeit beschäftigt sich mit der ‘ Medikamentenversorgung bei Stromausfall in Berlin‘. Viele Erkenntnisse daraus sind genauso für Österreich bzw. für Sie von Relevanz. Auch hier kommt der Autor zum Schluss, dass ‘ das vorhandene Wissen im Bereich der Medikamentenversorgung im Katastrophenfall auf wenige Experten beschränkt ist und Übersichten zu notstromversorgten Apotheken nicht existieren. Durch Maßnahmen wie einer Expertenrunde unter Teilnahme aller Beteiligten sowie dem Erstellen einer Liste der notstromversorgten Apotheken, könnte die Gefährdung für den Sektor Medikamentenversorgung im Ernstfall stark reduziert werden.

Je nach Größe Ihrer Kommune haben Apotheken natürlich eine unterschiedliche Bedeutung. Dennoch ist es ganz entscheidend, dass im Falle eines Blackouts die dezentrale Gesundheitsversorgung (niedergelassene Ärzte, Rettungsdienste, Apotheken) möglichst viele Notfälle selbst vor Ort versorgen können und nur im Ausnahmefall ein Transfer in das zentralisierte Gesundheitsversorgungssystem, sprich Krankenhäuser, erfolgt. Krankenhäuser verfügen zwar über eine Notstromversorgung, sie haben jedoch auch noch viele andere externe Abhängigkeiten – wie etwa Wasser, Müll oder medizinisches Material – die einen Betrieb stark limitieren können. Zudem gibt es den ‘Unsicherheitsfaktor Personal’ – kann dieses überhaupt noch in den Dienst kommen, wie lange muss es bleiben, etc. Ein zusätzliche Überlastung durch den dezentralen Bereich wäre daher verheerend. Auch wenn es bei verschiedenen Einrichtungen keine kommunale Verantwortlichkeit geben mag, im Fall einer Katastrophe wie einem Blackout wären Sie dennoch mit der Bewältigung der Folgen konfrontiert, bzw. Ihre BürgerInnen davon betroffen.

Zudem ist es erforderlich, dass auch mögliche andere Faktoren, wie Pflegeeinrichtungen – die in der Regel nicht Notstromversorgt sind – berücksichtigt werden. Vorhandene Evakuierungspläne werden im Fall eines Blackouts kaum umsetzbar sein.

Eine umfassende Zusammenfassung finden Sie online unter Medikamentenversorgung bei Stromausfall in Berlin.

Zusammenfassung     

Zusammenfassend lässt sich aus allen Studien ableiten bzw. wird von diesen eingefordert, dass eine aktive Auseinandersetzung und Vorbereitung auf ein mögliches Blackout und die Einbindung der Bevölkerung notwendig sind! Dabei geht es nicht um das schüren von Ängsten – denn diese führen zur Lähmung – sondern um die Mobilisierung der Selbstwirksamkeit (siehe auch Mythos Panik). Das einzige was man hier falsch machen kann, wäre nichts zu tun. Viele erwartbare Probleme können im Vorfeld erkannt und oft mit einfachen organisatorischen und kommunikativen Maßnahmen reduziert werden. Es liegt also in unserer Hand, wie hart wir als Gesellschaft von einem solchen Ereignis getroffen werden können . Dabei geht es nicht um die Wahrscheinlichkeit des Eintrittes, sondern um unsere Verwundbarkeit bzw. um die damit verbundenen Konsequenzen!

Wir erstellen derzeit einen Leitfaden für Kommunen, den wir Ihnen in den nächsten Wochen als Entwurf und als weitere Anregung für Ihre Auseinandersetzungen zur Verfügung stellen werden. Zusätzlich sei hier auf das bereits bestehende Konzept der Notversorgungsstellen der Bezirkshauptmannschaft Tulln verwiesen.

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