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11. Europäischer Katastrophenschutzkongress

 

“Optimism is not a substitute for preparedness”,
Prof. Kurth, former director RKI

Am 28. und 29. September 2015 fand in Berlin der 11. Europäische Katastrophenschutzkongress statt, wo ich als Diskutant beim Panel “Schutz Kritischer Infrastrukturen – Aufgabe des Katastrophenschutzes” eingeladen war. Hier meine Eindrücke und Erkenntnisse von der Veranstaltung.

Im wesentlichen lassen sich die Erkenntnisse auf folgende Punkte zusammenfassen:

  • Das Handlungswissen in der Bevölkerung ist sehr gering bzw. weiter im Sinken.
  • Die aktive Einbindung der Bevölkerung in die Krisenvorbereitung und Bewältigung ist unverzichtbar und derzeit unzureichend, insbesondere um mit Großschadenslagen (Blackout, Pandemie, Erdbeben, etc.) umgehen zu können.
  • Die Grenzen der organisierten Hilfe sind rasch erreicht, wie etwa am Beispiel Ebola oder der aktuellen Flüchtlingssituation abzuleiten ist.
  • Die aktive Einbindung der Bevölkerung erfordert eine integrierte Sicherheitskommunikation, die am besten bereits im Kindergarten/Schule beginnt, um die Handlungsfähigkeit und die gesellschaftliche Resilienz wieder zu erhöhen.

 Bevölkerungsschutz in Deutschland – Neue Anforderungen an Strategie und Struktur?

Staatssekretär Schröder adressierte verschiedene aktuelle Herausforderungen, wie etwa

Festigung der Kooperation zwischen Zivilschutz und Humanitärer Hilfe

Denis Ledesch aus Luxemburg betonte die Notwendigkeit von

  • Kooperation
  • komplementären Ansätzen, 
  • Vorbereitet sein
  • Lessons learned Prozessen
  • Einbindung von Social Media in die Risiko- und Krisenkommunikation
  • Flexibilität
  • Gegenseitiges Verständnis durch Vernetzung und Austausch sowie
  • die Nutzung von Synergien

Die Globale Initiative Katastrophenrisikomanagement – Risiken verringern, Resilienz stärken

Martin Hoppe vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wies darauf hin, dass

  • es derzeit weltweit rund 60 Millionen Flüchtlinge gibt und nur ein sehr kleiner Teil davon am Weg nach Europa ist
  • Katastrophenschutz in Entwicklungsländern ganz essentiell für unsere Sicherheit ist und den Migrationsdruck senkt
  • Katastrophenschutz daher auch eine (wenig beachtete, indirekte) wirtschaftliche Bedeutung hat.

 Public Health-Strategien zum Schutz der Bevölkerung vor Pandemien

Walter Haas vom Robert Koch-Institut stellte selbstkritisch fest, dass bisher bei der Pandemiebewältigung die Flexibilität gefehlt hat und hier dringend Anpassungen notwendig sind und dass bei der Pandemievorbereitung und – bewältigung vor allem Transparenz notwendig ist (höre hierzu auch die Selbstkritik der WHO:

Deep Impact – Gesundheitliche Bedrohungen und besondere Lagen fordern unser Gefahrenabwehrsystem!

Johannes Richert vom Deutschen Roten Kreuz stellte ebenfalls selbstkritisch, dass wir als Gesellschaft nicht mehr auf Katastrophenlagen vorbereitet sind bzw. in vielen Bereichen die Handlungsfähigkeit fehlt. Durch die per se nicht schlechte
Effizienzsteigerung sind aber mittlerweile auch in vielen Bereichen die Redundanzen und Reserven reduziert worden, die aber zwingend zur Bewältigung von außergewöhnlichen Lagen notwendig wären (siehe auch Schwarmdumm – So blöd sind wir nur gemeinsam).

  • Ab 2020 muss erwartet werden, dass es in Deutschland zu einem Unterangebot an Krankenhausbetten kommen wird, auch wenn derzeit noch Überkapazitäten bestehen. Ebenfalls zeichnet sich bereits ein Mangel an Allgemeinmedizinern ab.
  • Es gibt für länger anhaltende Krisenlagen kaum Vorbereitungen – was man an der aktuellen Flüchtlingssituation klar sehen kann.
  • Ungebundene Helfer – bieten Herausforderung, aber auch Chancen
  • Betreuungslagen werden zunehmen
  • Nur 50% der RTW Einsätze sind wirklich notwendig, Selbsthilfefähigkeit nimmt ab und bindet dadurch unnötige Ressourcen
  • 40% der Allgemein-Mediziner gehen in den nächsten Jahren in Pension
  • Die Neuordnung der med. Notfallversorgung ist notwendig
  • Die Erhöhung der Selbsthilfefähigkeiten der Bevölkerung ist unverzichtbar
  • Wichtiger als Organisationspläne sind flexible Fähigkeiten
  • Eine stärkere Vernetzung zwischen den unterschiedlichen Akteuren ist erwünscht
  • Global Denken = Katastrophenschutz!

“Schutz Kritischer Infrastrukturen – Aufgabe des Katastrophenschutzes”

  • Moderation: Magister Robert Stocker, Abteilungsleiter Einsatz-, Krisen- und Katastrophenkoordination, Bundesministerium für Inneres, Österreich
  • Referenten: Oberst i.G. Christian Leggemann, Gruppenleiter Gefahrenabwehr, Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr
  • Herbert Saurugg, Cyber Security Austria, Initiator von “Plötzlich Blackout”
  • Peter Lauwe, Referat Risikomanagement KRI­TIS, Schutzkonzepte KRITIS im Bundesamt für Bevölkerungsschutz
    und Katastrophenhilfe (BBK)

Die Ressourcen der organisierten Hilfe inkl. die der Bundeswehr wurden in den letzten Jahren/Jahrzehnten stark reduziert, was sich massiv auf die Durchhaltfähigkeit bei Großschadensereignissen auswirken wird. Hier gibt es oftmals falsche Erwartungen. Der Schutz Kritischer Infrastrukturen ist in unserem hoch vernetzten Umfeld nur eingeschränkt bzw. beschränkt möglich. Dominoeffekte können kaum gestoppt werden. Daher ist eine aktive Einbindung der Bevölkerung in die Krisenvorbereitung und -bewältigung unverzichtbar, was wiederum eine integrierte Sicherheitskommunikation voraussetzt. Hier gibt es zwar zahlreiche Bemühungen, die tatsächliche Reichweite ist aber auch hier noch stark begrenzt.

“Urban Security – Sicherheit in vernetzten Ballungsräumen: Gefährden Infrastrukturausfälle die urbane Sicherheit?”

  • Moderation: Christoph Flury, Stellvertretender Direktor, Chef Geschäftsbereich Zivilschutz, Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS, Schweiz
  • Referenten: Prof. Dr. Frank Heidmann, Professor für Design of Software Interfaces, Fachhochschule Potsdam
  • Prof. Dr. Angela Mickley, Friedenspädagogik/Konfliktbearbeitung/Mediation/Ökologie, Fachbereich Sozialwesen, Fachhochschule Potsdam
  • Klaus Zuch, Abteilungsleiter Öffentliche Sicherheit und Ordnung, Senats-
    verwaltung für Inneres Berlin
  • 1970 existierten weltweit lediglich drei Mega-Cities – New York, Tokio und  Shangha; heute sind es bereits 30 und die Anzahl soll weiter steigen.
  • Viele Menschen haben keine Orientierung mehr und sind von Navis abhängig
  • Kompetenzverlust
  • Es ist wichtig lokale Schlüsselakteure zu identifizieren um die Netzwerkbildung zu unterstützen
  • Implementieren durch Ansprache und Anbindung an Freiwilligenorganisationen
  • Strukturen wurden heruntergefahren – Prävention ist notwendig und kostet aber auch, kommt aber wesentlich günstiger, als die Schadensbewältigung
  • Wirtschaft bildet gemeinsamen Krisenstab
  • Bauordnung als Möglichkeit, um beispielsweise Kat-Leuchtürme, etc. bereits von vornherein vorzusehen
  • Notwendigkeit, Aufgeregtheit zu reduzieren -> Sicherheitskommunikation als wichtiger Baustein
  • Multikultureller Hintergrund: Kinder, Vereine, Offenheit, Interesse, bestehende Netzwerke nutzen; zugehen auf sozialer Ebene
  • Bewusstsein wiederherstellen
  • Erfahrungslernen

Pandemie und Epidemie – Hysterie oder reelle Gefahr für Europa?

  • Eine integrierte Sicherheitskommunikation ist unverzichtbar, wir können nicht alles verhindern
  • Die Ebola-Bewältigung 2014 in Deutschland mit 3 Patienten hat alle Ressourcen gebunden und war am Limit

Forschung und Innovation für die zivile Sicherheit

Prof. Dr. Wolf-Dieter Lukas, Abteilungsleiter Schlüsseltechnologien – Forschung für Innovationen, Bundesminist erium für Bildung und Forschung (BMBF)

  • Jeder trägt Verantwortung, Menschen müssen Entscheidung treffen, Zivilcourage gefordert
  • Simulation nicht nur zur Sicherheit, sondern auch zur Wirtschaftlichkeit, Synergien, vernetztes Denken
  • Forschung muss nicht immer neues entwickeln, es ist an der Zeit auch bestehende Erkenntnisse zu vernetzen und zusammenzuführen; Forschungsergebnisse müssen besser vernetzt werden
  • Soziale Medien wirken, auch wenn mal falsche Inhalte transportiert werden – sie werden somit zur  Realität; wir müssen damit umzugehen lernen!
  • Mobilisieren der Bevölkerung
  • Helfer mit besonderen Kenntnissen finden –
  • Wir wissen noch nicht überall, was wirkt und richtig ist, aber wir müssen handeln
  • Assistenzsysteme und autonome Systeme gewinnen für den Katastrophenschutz an Bedeutung – hier sollte auch mehr entwickelt werden, jedoch nicht zu Apothekerpreisen, sondern kostengünstig in die Breite bringen
  • Auf Endanwender eingehen – was brauchen die wirklich?

Mobile Energiemanagement-Systeme für den Katastrophenschutz (crosspower)

Michael Keinert, CFO, PFISTERER Holding AG

  • Entwicklungshilfe benötigt dezentrale (Energie)Lösungen
  • Mobile Lösungen sind aber auch für den Katastrophenschutz sinnvoll es gibt eine Dual-use Möglichkeit  (zivil/militärisch)

Warnung der Bevölkerung

Christoph Flury, Stellvertretender Direktor, Chef Geschäftsbereich Zivilschutz, Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS, Schweiz

  • Die aktive Einbindung der Bevölkerung unverzichtbar
  • Generelle Hotline schaffen, damit die Menschen nicht die Notrufnummern blockieren
  • Alles nutzen, was da ist
  • Zentrale Anlaufstelle alertswiss.ch (siehe auch Integrierte Sicherheitskommunikation in der Schweiz – alertswiss.ch)
  • Sirenen – “es ist eh immer nur Probe” – bei einem technischen Fehlalarm in Zürich reagierte niemand auf den Wasseralarm, der die sofortige Flucht in höhergelegene Gebiete vorsieht (Staudammbruch).
  • Videos wirken!

Paul H. J. Kubben, Politischer Berater Sicherheitsregionen, Abteilung Resilienz, Ministerium für Sicherheit und Justiz, Königreich der Niederlande, Projektmanager Öffentliche Warnungs-Systeme

  • www.crisis.nl
  • Soziale Medien sind wichtig
  • Die Möglichkeit von Cell broadcast zur Warnung der Bevölkerung ist gesetzlich vorgeschrieben
  • Die Sirenen sind gegen Stromausfall abgesichert
  • Der amerikanischer Standard wird zur Information der Bevölkerung verwendet
  • Der Staat stellt die Infrastruktur zur Verfügung, für den Inhalt sind die lokalen Akteure verantwortlich

Dr. Ulrich Meissen, Leiter des Kompetenzzentrums “ESPRI” (Electronic Safety and Security for the Public and Industries), Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS

  • Versicherungen haben Interesse an Prävention, Mitfinanzierung, Vernetzung mit Forschung und Katastrophenschuutz
  • Man muss sehr spezifische ansprechen
  • Digitale Werbetafeln, Haustechnik können zur Alarmierung/Information genutzt werden
  • Problem: Zu schnelle technische Entwicklungen, wo man kaum mithalten kann -> Sicherheitskommunikation
  • Multiplikatoren ansprechen

Gerrit Möws, Referat Warnung der Bevölkerung, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK)

  • In die Fläche zu bringen
  • Psychologie!
  • Melder trainieren, Rücken frei halten
  • Schlechte Entscheidung besser als keine
  • Texte standardisieren wie bei den Wettermeldungen

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