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MRT und CT: Kein Chefarzt mehr

 

Quelle: ORF.at

Die Wiener Gebietskrankenkasse baut eine bürokratische Hürde ab: Ab sofort wird für eine Computer- oder Magnetresonanztomographie kein Chefarzt mehr benötigt. Es reicht von nun an die Überweisung durch einen Hausarzt. Pro Jahr werden in Wien etwa 200.000 MRT- und CT-Untersuchungen durchgeführt. „Es reicht eine Überweisung vom Hausarzt oder Facharzt”.

Kommentar

Hierzu fällt mir wieder das Buch von Gerd Gigerenzer “Risiko – Wie man die richtigen Entscheidungen trifft” ein:

Defensive Medizin: Ein Arzt verordnet klinisch nicht gerechtfertigte und für den Patienten möglicherweise sogar schädliche Test oder Behandlungen aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen. S. 82.

Am häufigsten unter den überflüssigen Tests waren Computertomografien (CTs), Magnetresonanztomografien (MRTs) und Röntgenuntersuchungen. S. 83.

Ein überflüssiger CT-Scan ist nicht einfach nur Geldverschwendung. Die Strahlendosen bei der CT sind in der Regel rund 100-mal so hoch wie bei einem Röntgenbild des Brustraums, der Mammografie oder ähnlichen Durchleuchtungen. Wie viel ist das? Je nach Gerät und untersuchtem Organ liegt die effektive Strahlendosis im Bereich von 15 Millisievert (mSv) bei einem Erwachsenen bis 30 mSv bei einem Neugeborenen. Die Strahlenexposition bei einer CT-Untersuchung mit mehreren Scans ist mit der durchschnittlichen Belastung der Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki zu vergleichen, die zwei bis drei Kilometer von Ground Zero entfernt waren. S. 84

Frage deinen Arzt, was er tun würde, nicht was er empfiehlt! S. 88.

Das Problem ist nicht Risikoscheu, sondern der Mangel an einer positiven Fehlerkultur. Die Menschen müssen ermutigt werden, über ihre Fehler zu sprechen und die Verantwortung für sie übernehmen, damit sie aus ihnen lernen und ihre Leistung verbessern können. S. 93.

Alleine in den Vereinigten Staaten gibt die Industrie mehr als eine Milliarde Dollar jährlich für die Unterstützung der ärztlichen Fortbildung aus. S. 210.

Der medizinische Fortschritt wird von besseren Technologien erwartet, nicht von besseren Ärzten, die diese Technologien verstehen. Medizinstudenten müssen sich unzählige Fakten über häufige und seltene Krankheiten einprägen. Was sie allerdings selten lernen, sind statistisches Denken und kritische Bewertung wissenschaftlicher Artikel auf ihrem eigenen Gebiet. S. 229.

Wie im Finanzwesen ist auch in der Gesundheitspflege komplexe Technik nicht immer besser und sicherer. S. 234.

Während die MRT bei acht von 76 Patienten den Schlaganfall nicht erkannte, wurden mittels HINTS (Kopf-Impuls, Augenzittern, Test auf Vertikalschielen) alle Fälle entdeckt und keiner übersehen. S. 236.

Wie steht es mit CT-Scans? Die erfassen noch weit weniger Schlaganfälle als MRTs, führen zu mehr Fehldiagnosen und sind infolge der Strahlung potenziell schädlich für den Patienten. Eine einfache Untersuchung am Krankenbett kann sicherer für den Patienten sein und gleichzeitig Zeit und Geld sparen. S. 236.

Glücklicherweise liegt das Lebenszeitrisiko, an Prostatakrebs zu sterben, nur bei 3 Prozent. Es sterben mehr Männer mit Prostatakrebs als an ihm. S. 248.

Das Risiko, infolge eines Ganzkörper-CT-Scans an einer strahleninduzierten Krebserkrankung zu sterben, ist größer, als bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen. S. 286.

Die Truthahn-Illusion steht für die Überzeugung, dass ein Risiko sich berechnen lässt, obwohl das nicht möglich ist. Risiken können berechnet werden, wenn drei Bedingungen erfüllt sind:

  • Geringer Grad an Ungewissheit: Die Welt ist stabil und vorhersagbar.
  • Wenig Alternativen: Es müssen nicht zu viele Risikofaktoren abgeschätzt werden.
  • Es steht eine große Datenmenge für diese Schätzungen zur Verfügung.

Kritisches Denken setzt Wissen voraus. Dazu brauchen wir Mut, den Mut, selbstständige Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. „Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Immanuel Kant S. 333.

 

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